Tagebuch Konstanze Rehle. Bye Bye. 12.07.2010


 Wenn dieser Tagebucheintrag veröffentlicht wird, bin ich schon längst "über alle Berge". Diesen Bericht habe ich über mehrere Tage hinweg innerhalb meiner letzten Praktikumswoche geschrieben und übergebe ihn erst am Tag meiner Abreise zur Veröffentlichung.

Zum Schluss möchte ich noch ein paar der schönsten Momente festhalten, die ich im Angel's Home in den letzten Tagen hatte.

In meiner dritten Praktikumswoche hat mir Sophie ein ganz beliebtes Spiel der Kinder beigebracht, welches ich dann natürlich gleich mit ihnen ausprobieren wollte. Hier ein Versuch das Spiel zu erklären: Alles was man dazu braucht sind 5 kleine Steine. Diese schmeißt man vor sich auf den Tisch, ähnlich wie beim Würfeln. Dann nimmt man einen Stein und wirft diesen in die Höhe, gleichzeitig (und das ist das knifflige an der ganzen Sache) muss man einen weiteren Stein in die Hand nehmen, noch bevor der andere Stein wieder runter fällt. So wird mit allen weiteren auf dem Tisch liegenden Steinen verfahren. Sollte man es nicht schaffen, den Stein aufzuheben, bevor der andere runterfällt, ist der ander Spieler an der Reihe. Und dann gibt es auch noch höhere Schwierigkeitsstufen, bei denen man noch schneller sein und noch mehr Steine aufnehmen muss. Konzentration ist gefragt beim stone catchingNun ja, klingt komplizierter als es ist. Das Spiel macht jedenfalls richtig Spaß und man trainiert vor allem seine Geschicklichkeit. Als ich mit Hiruni spielte, fragte ich sie, wie das Spiel heißt. Bis dato gab es noch keinen Namen dafür. Wir einigten uns auf "stone catching". Sie hat mir das Spiel auch nochmal ganz genau erklärt und welche verschiedenen Schwierigkeitsstufen es gibt. An Momente wie diese, in denen auch ich etwas von den Kindern lernen durfte, werde ich noch oft zurückdenken.

 

Eine besondere Beziehung habe ich in den letzten Wochen zu Chathumini entwickelt. Sie ist 14 Jahre alt, steckt also gerade mitten in der Pubertät. Sie ist ein sehr aufgewecktes, offenes und freundliches Mädchen, stets mit einem verschämten Lächeln auf den Lippen. Man kann sich sehr gut mit ihr unterhalten, denn sie spricht ein vergleichsweise gutes Englisch. So kam es, dass ich sie  etwas besser kennnelernen durfte, als manch andere Mädchen. Natürlich unterhält man sich da auch mal über Themen, die ein Mädchen in diesem Alter besonders interessieren. Und da mir Chathumini und ihre weitere Zukunft sehr am Herzen liegt, habe ich ihr den Tipp mit auf den Weg gegeben, nicht gleich den erst Besten zu nehmen bei der späteren Partnerwahl. Winken Was ja hier in Sri Lanka häufig leider der Fall ist.

Chathumini beim malenBesonders toll finde ich, dass sie kein typisches "Mädchen" ist. Tanzen mag sie z.B. überhaupt nicht. Einmal, als alle anderen Kinder Tanzunterricht hatten, traf ich sie zufällig und war erstaunt, dass sie nicht mit beim Tanzen ist. Ist doch schließlich DAS Hobby schlechthin für jedes Mädchen hier in Sri Lanka! Aber sie antwortete mir nur mit verzogenem Gesicht: "No, I don't like." Sie weiß eben auch, was sie will und das finde ich gut. Grinsen Es gibt mir Hoffnung, dass sie ihren Weg finden wird.

 

Chathumini kommt von der SchuleIch weiß, dass sie bereits als Kind unschöne Erfahrungen mit ihrem Vater gemacht hat und wie allgemein bekannt ist, begeben sich viele Frauen, die als Kind Opfer waren, später unbewusst wieder in die Opferrolle. Das sind meine größten Bedenken und speziell hier fällt es mir schwer Abschied zu nehmen, ohne emotional berührt zu sein. Das Loslassen ist es, was einem den Abschied schwer macht. Wie wird sie sich weiterentwickeln? Wird sie einen guten Mann bekommen? Wird sie ihre Potentiale nutzen? Wird sie später glücklich sein?

Chathumini DinoorUm den Abschied ein klein wenig zu erleichtern, habe ich mir überlegt, Chathumini ein gut erhaltenes T-Shirt von mir zu schenken. Sie hat sich sehr darüber gefreut und war auch, wie immer, etwas verlegen dabei! Sie hat versprochen, mir zu schreiben, wenn ich wieder in Deutschland bin und außerdem soll ich sie unbedingt auch mal anrufen oder ihr schreiben. Versprochen!

Natürlich habe ich auch noch ein paar anderen Mädels T-Shirts von mir geschenkt und alle haben ihr Präsent dankend angenommen, wie z.B. auch Chanchala.Konstanze und Chanchala

 

 

Das waren nun ein paar der schönen Erlebnisse. Umso frustrierender war hingegen, dass ich mir zum Ende der 3. Woche eine Magen/Darm-Infektion eingefangen hab und erstmal 2 Tage lang das Bett hütete. Mich hat's richtig weg gehauen. Das Schlimmste ist dabei die Einsamkeit. Man liegt im Bett und wartet einfach nur, dass die Zeit vergeht. Natürlich hatte ich vorgesorgt und mir Tabletten aus Deutschland mitgebracht, aber die haben nicht geholfen. Also bin ich 3 Tage später zu einer Ärztin im lokalen Krankenhaus gegangen. Sie war sehr freundlich. Leider habe ich nicht alles verstanden, was sie sagte, aber ich glaube die wichtigsten Informationen haben wir korrekt ausgetauscht. Ich habe dann 3 verschiedene Sorten bunte Tabletten bekommen, mit exakter Vorgabe wann ich diese einnehmen muss. Und schon am ersten Tag der Einnahme habe ich eine deutliche Besserung gespürt. Es kam mir vor, als seien es Wunderpillen, so erstaunt war ich über die rasche Genesung.

Zum Schluss möchte ich natürlich auch nochmal auf das anfangs so brisante Thema "Tiere auf meinem Dach" zu sprechen kommen. Also, die Lage hat sich beruhigt. Mein SchlafzimmerErstens hab ich ab ca. der 2. Woche tief und fest geschlafen und daher auch nichts mehr gehört und zweitens hab ich irgendwie das Gefühl, die Unruhestifter haben sich "verdünnisiert". Vielleicht haben sie ja doch gemerkt, dass ich ihnen ziemlich feindselig gegenüber stehe. Und drittens kann ich mittlerweile zumindest 3 Arten von Tieren allein an ihrer Gangart über's Dach unterscheiden! Nämlich Waran, Streifenhörnchen und Krähe. Und wenn man ein Geräusch (von denen es hier sehr viele gibt) zuordnen kann, dann ist das schon sehr hilfreich. Etwas anderes als diese drei Tiere habe ich seit dato nicht mehr gehört oder gesehen. Also ENTWARNUNG: doch nix mit Ratten oder ähnlichem.

 Mein letzter offizieller Tag im Heim war ein Sonntag. Ein spezieller Sonntag, an dem die Kinder Besuch von ihren Verwandten bekamen. Dieser findet regelmäßig einmal monatlich statt. Ich war morgens schon ein wenig aufgeregt und gespannt, wie dieser Tag wohl ablaufen wird. Letztendlich haben (leider) nur ein paar einzelne Kinder Besuch empfangen, da im Heim wenige Tage zuvor bereits ein "Meeting" mit dem zuständigen Amt statt fand, bei dem auch viele Verwandte anwesend waren und ich nehme auch an, dass einige Kinder generell keinen Besuch bekommen. Nun ja, es war eine ziemlich angespannte Athmosphäre, die ich mit den Kindern gemeinsam erlebte. Diejenigen, die auf ihren Besuch warteten (und dann doch keinen bekamen), versuchte ich so gut wie möglich abzulenken: Chathumini, Dinesha, Mauri und Shanika konnte ich zu einem Badminton-Spiel motivieren. Wir "vertrieben" uns auch die Zeit des Wartens mit verschiedenen Brettspielen und ich merkte während der ganzen Zeit auch, dass dies den Mädels große Freude bereitete und dass sie wahrscheinlich auch froh waren, jemanden "für sich" zu haben, während andere Mädchen mit ihren Eltern überall im Garten verstreut saßen und sich mehr oder weniger intensiv miteinander beschäftigten.

NachhilfeWir spielten dann auch "Mau Mau", eines meiner Lieblingsspiele. Und die Kinder haben richtig gut mit gemacht, sie waren sehr konzentriert und mit Spaß bei der Sache und das schönste war, dass sich immer mehr Kinder zu uns gesellten und unser Spiel mitverfolgten. Nebenbei konnte ich sehr genau beobachten, wie unsicher viele Eltern und Großeltern  im Umgang mit ihren Kindern waren. Sie wussten teilweise gar nichts miteinander anzufangen, saßen nur da und sahen uns beim spielen zu. Auch für uns war das unangenehm.

Besonders unbegreiflich war für mich folgende Situation:

Dilki hatte Besuch von ihrem Vater und Chanchala hatte Besuch von ihrer Mutter. Das ist an sich nichts unnormales. Das unfassbare daran ist aber, dass Chanchala's Mutter und Dilki's Vater nun ein Paar sind. Sie haben ihre Kinder in's Heim gegeben, weil sie neu geheiratet haben. Hier in Sri Lanka ist es nicht üblich, Kinder aus der vergangenen Ehe mit in die neue Ehe zu nehmen, daher befinden sich hier im Heim auch viele Kinder aufgrund von Scheidung der Eltern.

Und der Gipfel ist noch dazu, dass die beiden ihr "neues Kind", was sie gemeinsam gezeugt haben, zum Besuchstag mitgebracht haben!! Also, da findet man keine Worte. Man stelle sich nur mal die Situation vor. Welcher Mensch gibt denn sein Kind in's Heim, nur um dem neuen Partner einen Gefallen zu tun??? Und dann kommen die Eltern auch noch hier her, als wäre es das normalste der Welt, ohne einem Funken von schlechtem Gewissen. Ja, das bewegt mich sehr. Zumal ich alles hautnah miterlebt habe. Während Dilki und Chanchala ihr "Eltern" (die ich schon fast nicht mehr als solche bezeichnen würde) am Tor verabschiedeten, fragte Julia die Matron, ob es denn eventuell noch eine Chance gibt, dass die beiden ihre Kinder doch wieder in die Familie aufnehmen, wenn sie genug Geld haben. Die Matron antwortete mit ziemlicher Gewissheit "Nein, die Eltern wollen das nicht."

In diesem Moment spürte ich, dass ich einmal mehr eine persönliche Schmerzgrenze erreicht hatte.

Das einzige aufmunternde an der ganzen Situation ist, dass die Kinder dies wohl besser verkraften, als man selbst glaubt. Für sie ist es wahrscheinlich "normal", bzw. ist es einfach ein Teil ihrer Kultur, den sie so akezptieren (müssen). Für mich ist es dennoch schwer zu begreifen...

Eigentlich war dieser Tag gleichzeitig mein letzter Praktikumstag. Da ich die Kinder jedoch nicht noch zusätzlich zu diesem ohnehin schon emotionsgeladenen Tag mit meinem Abschied konfrontieren wollte, verlegte ich die Verabschiedung auf Montag. Mit lecker Icecream sage ich den Kindern "Goodbye", in der Hoffnung, dass sie mich in guter Erinnerung behalten und vielleicht auch den ein oder anderen Denkanstoß von mir bewahren.

Obschon ich mich von den Kindern verabschiede, kehre ich Sri Lanka noch nicht den Rücken zu. Ich werde noch einen weiteren Monat hier verbringen, möchte mir noch andere soziale Einrichtungen anschauen und Land und Leute noch besser kennenlernen. Daher werde ich auch erst Ende Juli/ Anfang August meinen allerletzten Beitrag schreiben, in dem ich dann mein Praktikum von zuhause nochmals reflektiere.

 

Bis dahin verabschiede ich mich für's erste und bedanke mich bei allen Lesern für die Aufmerksamkeit.

Mit sonnigen Grüßen,

eure Konstanze