Tagebuch Konstanze Rehle. Sri Lanka: Ein Land mit vielen Gesichtern. 14.06.2010


 Vorgestern bin ich zum ersten mal mit dem Fahrrad ins Heim gefahren. Mit einem Mountainbike, wie spiessig! Oh, wie sehne ich mich da nach meinem Fahrrad, das ich zuhause hab! Ein altes klappriges Damenrad mit einem (bewusst) krummen Lenker, was ein bequemes Fahrgefühl garantiert. Das Rad würde genau hier her passen. Aber hier in der “letzten Pampa”, wo alle anderen, wenn überhaupt, mit alten Rädern rum fahren und gerne ein neues Rad hätten, düse ich, ausgerechnet ICH als Deutsche mit nem Mountainbike durch die Kante. Das Rad macht allerdings nur den Anschein, dass es neu sei. In Wirklichkeit ist es ein Gefährt, dass schon viele Jahre auf dem Buckel hat und sich daher auch ziemlich schwer fahren lässt, die Gänge funktionieren nämlich auch nicht. Aber das wissen ja die Leute hier nicht. Ich fahre also entlang der Beach Road, wo wahrscheinlich die meisten Armen leben, nämlich direkt an der Strasse in 2 x 2 Metern Holzhütten oder Ähnlichem, nur wenige Meter vom tosenden Meer entfernt. Das ist wahrlich kein schöner Anblick!

Beach-RoadGestern hab ich im Vorbeifahren eine junge Mama mit ihrem nackten Baby auf dem Arm draußen vor einer dieser Hütten sitzen sehen. Ich hab sie angelächelt und sie lächelte zurück. Ich hab dann gleich überlegt ob ich beim nächsten mal vielleicht anhalte und ihr ne kleine Aufmerksamkeit mitbringe, aber gleich im nächsten Moment dacht ich mir so: “Nee, das kannste nich machen, als grosse tolle Deutsche ankommen und den Leuten Almosen geben, da komme wahrscheinlich ich mir, wie genauso auch die Frau sich total bescheuert vor.” Weil ich mein, was bringt das der Frau schon, wenn ich ihr ein bisschen Obst oder so gebe? In ein paar Wochen bin ich wieder weg und dann sitzt sie wieder da. Außerdem will ich in der kurzen Zeit die Leute hier nicht abhängig von mir machen. Genauso auch nicht die Kinder, mit denen ich täglich arbeite. Es ist keine einfache Situation, man ist hin und her gerissen. Wie würdet ihr in so einer Situation entscheiden?

Mit dem Rad ins Heim zu fahren hat aber auch seine Vorteile, hauptsächlich für einen selbst:

Erstens tut man was für seine Gesundheit und zweitens fährt man ja mit dem Rad viel langsamer als mit dem Tuk-Tuk und kann dabei viel mehr über die Einheimischen entlang des Weges erfahren. Die meisten lächeln mich freundlich an und/oder grüßen mich sogar, das kennt man von Deutschland überhaupt nicht. Andere gucken teilnahmslos, als wären sie es gewohnt, dass hier jeden Tag Weisse lang fahren. Sie sind es wahrscheinlich auch gewohnt. Julia sagte mir, dass die Leute hier in Marawila genau bescheid wissen: Wenn ein neues weisses Gesicht auftaucht, dann gehört es zum Dry Lands Project. Das gibt mir einerseits ein sicheres Gefühl, hier in nem fremden Land irgendwo dazu zu gehören. Andererseits fühlt man sich auch in ne Schublade gesteckt, obwohl die Schublade “Dry Lands” ja nicht unbedingt was schlechtes bedeutet. Zumindest sollte es das nicht. Aber ich habe schon nach wenigen Tagen mitbekommen, wie wenig Frank und Julia mit ihrer Arbeit hier eigentlich willkommen sind. Bürokratische Entscheidungen werden scheinbar bewusst in die Länge gezogen, z.B. wenn die beiden neues Visa beantragen, das sie ja so dringend brauchen, um hier weiter zu machen.. Oder es werden anderweitig irgendwelche Steine in den Weg gelegt. Z.B. letztens, als Frank beim Amt um die Erlaubnis bat, die Kinder mit auf die Coming Home Party einer Betreuerin zu nehmen, worauf sich die Kinder auch schon riesig gefreut haben. Da wurden fadenscheinige Gründe genannt, weswegen das angeblich nicht möglich sei. (siehe Tagebuch Linus, 31.05.2010) Zum Glück ist Frank aber ein hartnäckiger Typ, der sich nicht unterkriegen lässt und immer wieder alles dafür tut (genauso wie Julia), dass die Kinder ein schönes Leben hier haben.

Sehr unverständlich ist für mich daher die Tatsache, dass die Einheimischen und vor allem die Behördern diese wahnsinnige Arbeit, die Frank und Julia leisten, nicht zu schätzen wissen. Ich finde die Leute sind hier teilweise ziemlich undankbar. Es war eine für mich schwer zu akzeptierende und erschreckende Erkenntnis, die mir hier zuteil wurde, nämlich dass es in Sri Lanka zwar viele arme Leute gibt, aber mindestens auch genauso viele habgierige und gewiefte Typen. Klar, ist irgendwo auch verständlich, dass die Menschen hier auf Geld aus sind, ist ja überall auf der Welt das gleiche! Aber ich finde es unverschämt, mit welcher Selbstverständlichkeit hier teilweise Geld oder andere wertvolle Dinge entgegen genommen werden und dann auch noch immer mehr erwartet wird. Getreu nach dem Motto: Reichst du jemandem den kleinen Finger, nimmt er die ganze Hand. Das trifft auf Sri Lanka ziemlich genau zu, denke ich. Und das kann sich auch niemand vorstellen, der nicht hier gewesen ist und nicht alles hautnah miterlebt hat. Nun hab ich einmal mehr etwas dazu gelernt und mich so ganz nebenbei meiner rosaroten Brille entledigt. Winken

HasiniDie eben beschriebene Denkweise vieler Einheimischer resultiert, denke ich, vor allem aus der Annahme, dass in Deutschland sprichwörtlich das Geld auf den Bäumen wachse. Aber dass auch wir in Deutschland (hart) arbeiten müssen, Angst um unsere Jobs haben (vor allem im Osten) und jeden Tag einen übelsten Stress haben und einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt sind, daran denkt hier verständlicherweise keiner. Neulich habe ich versucht, der kleinen Hasini zu erklären, wie es in Deutschland wirklich läuft und dass es da auch arme Kinder gibt etc.. Sie hat ganz gespannt zu gehört und war sichtlich erstaunt über diese Informationen. Grinsen

Aber wie immer, kann man niemals irgend etwas verallgemeinern, sondern muss sich auch die Ausnahmen genauer anschauen. Wie z.B. meinen Lieblings-Tuk-Tuk-Fahrer Christie. (Wir haben nur einen Fahrer Grinsen) Der hilft mir immer beim Einkaufen, feilscht für mich um den Preis, zeigt mir alles, fährt mich überall hin wo ich will (und das für nur ca. 1,50 Euro wenns ne große Fahrt ist) und er ist sehr zuvorkommend.

ChristieIch hab ihm schon vorsichtshalber gesagt, dass ich zuhause in Deutschland einen Ehemann habe Grinsenund habe ihm als Beweis auch noch meinen Ring, den ich am linken (!) Ringfinger trage gezeigt! (man muss auch mal wirklich böse flunkern, wenn man sich vor eventuellen unangenehmen Flirtattacken schützen will) So ist es zumindest ausgeschlossen, dass er sich irgendwas erhofft, was gar nicht in meinem Sinne liegt.  Also nicht das ihr das falsch versteht. Ich bin nicht der Meinung, ich sei unwiederstehlich. Es ist nur so, dass weisse Frauen hier unglaublich begehrt sind, denn das bedeutet schließlich: “money, money, money.” Und money ist ja, wie schon erwähnt ein knappes Gut hier. Bevor ich ihm aber diese unmissverständliche Geste gezeigt habe, geschah allerdings etwas im Nachhinein sehr trauriges:

Ich fuhr an diesem Tag mit ihm nach Hause. Plötzlich sagte er mir: “Bananas, you eat!” Ich war erstaunt, schaute hinter mich und sah auf der Ablage eine Tüte mit Bananen und anderen leckeren Sachen. Ich wusste nicht recht, wie ich das deuten sollte, da ich ihn auch nicht richtig verstand und sagte: “No, bananas you give your children and family! Not for me! I have bananas at home, you know?” (Er war schließlich letztens selbst dabei, als ich mir Bananen gekauft hab) Er wollte  nicht locker lassen und mir unbedingt dieses Präsent geben. Ich wurde etwas unsicher. Normalerweise hätte ich das Geschenk dankend und freudig angenommen, ABER:

Julia und Frank haben mir ein paar Tage zuvor “ins Gewissen” geredet: “Fang ja nix mit nem Tuk-Tuk-Fahrer an und unterhalte dich nicht zu lange mit denen und sei nicht zu freundlich und fahr nicht irgendwo privat mit denen hin usw. War ja verständlich für mich, es gibt halt einfach kein gutes Bild, wenn deutsche Parktikantinnen von Dry Lands mit einheimischen Männern flirten. Ich war also gewissermassen einer ziemlichen Gehirnwäsche unterzogen, sodass ich nicht mehr imstande war meinen klaren Verstand zu benutzen. Ich lehnte ab. Der Fahrer versuchte mehrmals, mich zu überzeugen, allerdings steigerte dies nur noch mehr meine Ablehnung. Ich dachte:”Oh nein, der will jetzt am Ende vielleicht wirklich irgendwas mit dir anfangen, wenn er so hartnäckig ist und dich hier mit Geschenken 'besticht'”. Deswegen zeigte ich ihm dann quasi als letzten Ausweg ganz demonstrativ meinen imaginären Ehering, um das ganze zu bekräftigen. Das “Gespräch” endete schließlich als ein einziges Wirr Warr aus Missverständnissen.

Abends fragte mich Frank ob Christie mir irgend etwas angeboten hätte. Ich bestätigte dies und war gespannt, ob Frank nun die für mich sehr undurchschaubare Situation aufklären konnte. Ja, er konnte es.

Er teilte mir mit, dass Christie’s Tochter Kommunion hatte und im Falle einer solchen Feier, werden meist andere Leute (Freunde etc.) beschenkt. Julia und Frank haben auch Geschenke  von ihm bekommen, als lieb gemeinte Aufmerksamkeit.

Ihr wisst gar nicht wie ich mich da geärgert hab!!! StirnrunzelnDas Schlimmste an der ganzen Sache war allerdings, dass Christie nach meiner “Abfuhr” auch noch Anschiss bekommen hat von seiner Frau, weil er die volle Tüte mit tollen Sachen wieder mit nach hause gebracht hat, statt sie mir zu geben. Man man, ich hätt' mir in den A... beißen können. Aber ich hab mich dann ein paar Tage später gleich bei Christie entschuldigt. Und er sagte natürlich gleich: “No problem” und lächelt dabei. Das mag ich an den Leuten hier, sie sind offensichtlich überhaupt nicht nachtragend.

Bis zum nächsten Eintrag,

Eure Konstanze

 

 

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