Tagebuch Vicky Pohontsch. Was bleibt? „Was bleibt nicht?“ " 26.03.2010


Was bleibt?

Die Frage wäre wahrscheinlich einfacher zu beantworten, wenn sie  „Was bleibt nicht?“ hieße – aber ich will es mir ja nicht zu leicht machen.

Deutschland, meine Familie & Freunde und meine WG haben mich nun seit einer halben Woche wieder. Wenn ich in mein Zimmer schaue, ist die Frage „Was bleibt?“ leicht zu beantworten: zwei batike Kopfkissenbezüge, vier landestypische Teepackungen, zwei Flaschen Old Arrack, einen Elefantenschlüsselanhänger, drei verschiedene Currysorten, ein wunderschön besticktes T-Shirt, drei Handtaschen und 922 Fotos.

Doch die Souvenirs und Fotos können nicht mal annähernd ausdrücken was bleibt, oder mich in die Lage von vor einigen Tagen zurückversetzen. Schon jetzt, nur vier Tage später, kommt mir die Zeit in Sri Lanka unendlich, unerreichbar weit weg vor und ich habe jetzt schon Angst, dass diese unvergleichlichen Erinnerungen irgendwann verschwimmen.

 

Was bleibt, sind Erinnerungen, Erinnerungen an:

den erfrischenden Genuss einer Kokosnuss im Tuk Tuk.

das Lächeln der Mädchen nach einer richtig gelösten Matheaufgabe.

das Meeresrauschen und Vogelgezwitscher beim Einschlafen.

das „Come, Vicky“ der Mädchen, wenn sie Spielen wollten.

den wunderschönen Sonnenuntergang am indischen Ozean.

den Anblick regungsloser Hunde am Straßenrand, weil es einfach zu heiß ist.

Es sind Erinnerungen an das Gefühl von Unbeschwertheit, barfuß überall rumlaufen zu können und sich nicht kümmern zu müssen, wie man heute aussieht.

Es sind Erinnerungen an...

Geckos, die mit einem lauten Flatsch von der Decke fallen, oder überdimensional große, aber wunderschöne Schmetterlinge.

das Gefühl der Freiheit beim beobachten belassener Natur bis die Sonne untergeht.

den atemberaubenden Blick im Elefantenwaisenhaus Pinnawela.

den waghalsigen Fahrstil aller Einheimischen.

das freundliche Lächeln und die Herzlichkeit singhalesischer Frauen.

das „Apooh“ der Mädchen, wenn ihnen etwas nicht passte.

den Geruch eines leckeren Milktea am Nachmittag.

die Kreativität und der Einfallsreichtum an Spielmöglichkeiten der Kinder.

die unglaublichen Tanzkünste der Mädchen.

faszinierende Fahrten in Winkel Marawilas, die ohne Christi nicht möglich gewesen wären.

die Freude der Mädchen über eine Orange oder Schokolade.

das zuckersüße Kopfschütteln, wenn die Singhalesen einverstanden sind.

den starke Willen und Ehrgeiz einiger Mädchen, die nach der Nachhilfe noch mehr Aufgaben in ihr Heftchen geschrieben haben wollten.

Sandkuchenbacken bis zur Perfektion. 

das superleckere und superscharfe Reiscurry jeden Tag

die zum Teil unerträgliche Hitze auf dem Weg mit dem Fahrrad zum Heim.

das alltägliche „good afternoon everybody“, wenn die Kids von der Schule kamen.

einen unvergesslichen Strandbesuch.

die Wärme und Menschlichkeit, die die Einheimischen ausstrahlten.

Was bleibt sind aber auch Erinnerungen an den Anblick mittelloser Singhalesen auf meinem Arbeitsweg und das „RIP“-Zeichen, was diesen Weg einleitet.

Erinnerungen an Kinder, die nur ein einziges englisches Wort beherrschen: „Money“ und zu Bettlern erzogen werden und bei einer Ananasspende meinerseits verwirrt zu ihrer Mutter schauen.

Was bleibt ist leider auch die Erinnerung an die sehr rudimentär entwickelte Bildung mancher Mädchen, aufgrund des schlechten Schulsystems.

Was bleibt, ist demzufolge auch das Gefühl von Hilflosigkeit. Es besteht kein Zweifel, dass Frank und Julia, die Praktikantinnen und auch alle Unterstützer das richtige Tun. Doch es ist wie Rudern gegen einen Strom. Die Aufgabe bestand darin, für die Mädchen im Heim schneller zu Rudern als der Strom. Jeder neuer Stein, jedes Fenster im neuem Kinderheim und jedes lächelnde „ahhhh“ der Kinder, wenn sie bei der Nachhilfe etwas verstanden haben, bewies mir, dass es möglich ist, schneller als der Strom zu Rudern.

Was bleibt, ist das Gefühl etwas Gutes getan zu haben.

Was außerdem bleibt, sind Erinnerungen an wunderschöne und heitere Abende mit Frank und Julia, tiefgründige und endlose Gespräche mit Maria.

Was bleibt sind die Erinnerungen an einzigartige, tolle und faszinierende Mädchen, denen ich zwar Mathe und Englisch beibrachte, von denen ich jedoch viel, viel mehr lernen konnte. Jede gab mir, auf ihre individuelle Art, so viel mehr mit auf meinen Weg, als ich ihnen hätte geben können. Ich habe sie alle ins Herz geschlossen und da kommen sie auch nicht mehr raus.

kumari-und-ichIch habe mit der Erwartung meine Reise angetreten, den Kindern im „Angels Home for Children“ zu helfen. Was ich nicht erwartet habe, ist, dass sie mich verändern. Die Mädels wissen das sicher nicht, aber ich bin ihnen dankbar dafür. Sie haben meinen Horizont auf menschlicher Ebene sehr erweitert.

Mit diesem Praktikum sollte für mich der erste Schritt gemacht werden. Ich wollte herausfinden, ob ich mir zutraue später beruflich im Ausland sozial tätig zu sein. Diese Frage kann ich jetzt mit ja beantworten.

Die Frage, die für mich gerade in den Vordergrund rückt, ist, wenn ich einmal weg bin, werde ich je wieder zurück nach Deutschland ziehen?

Vielen Dank, Julia und Frank, für die unvergessliche Zeit, die ihr mir ermöglicht habt! Ihr leistet tolle Arbeit und ich bewundere eure Kraft und euer Durchhaltevermögen. Viel Erfolg für die Zukunft!

 

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