Tagebuch Vicky Pohontsch. Was ist in den letzten Tagen im Angels Home passiert? 10.03.2010


Seit meinem letzten Tagebucheintrag sind nun schon mehr als zwei Wochen vergangen. Wie die Zeit vergeht – unglaublich

Freitag vor einer Woche verließ Maria das Heim, ihr Praktikum war zu Ende und mit schweren Herzen verließ sie Sri Lanka. Die Kinder gestalteten ihr den letzten Tag aber so schön wie nur irgend möglich. Der Anfang des Tages verlief ganz normal, die Kinder kamen aus der Schule, es gab Mittag und die erste Nachhilfestunde begann. Plötzlich beendete Maria die Nachhilfe früher und verschwand in einem Zimmer der Mädchen. Ich sollte die Nachhilfestunde eigentlich beenden, doch als dann mehrere Mädchen auf mich zukamen und „Camera, Camera, faaaast“ riefen, stieg auch in mir die Neugier und ich ließ es mir nicht nehmen ebenfalls in das Zimmer, wo sich Maria befand, zu stürmen.

Darin angekommen konnten die Kinder und ich nicht aufhören zu staunen. Maria bekam von der Matron das typisch indische Kleid, die Sari, angezogen. Es sah einfach wunderschön aus.

MariaGruppenbild

 Im Anschluss daran startete das Programm, was die Kinder vorbereitet hatten. Asadi, die kleine Entertainerin, eröffnete die Vorführung mit einem Tanz. Ich glaube sie liebt die Bühne, denn auch für die nächsten drei Aufführungen stand sie mit voller Begeisterung vor uns, einmal mit Hasini und Vihanga und zweimal mit Kumari.

Es war schön zu sehen wie sehr sich Kumari mühe gab, sie war zu diesem Zeitpunkt kaum länger als 2 Wochen im Heim, legte aber mit Asadi eine wunderbare Show hin.

Als nächstes gehörte die Bühne den älteren Mädchen. Dinesha, Chanchala, Dilki, Mauri, Udeshika und Mali tanzten ebenfalls. Hier handelte es sich aber nicht um einen Tanz über den ich schmunzeln musste, wie süß er war, sondern um einen Tanz der mich faszinierte. Ich war beeindruckt wie gut, ausgefallen und auch schnell einige Mädchen tanzen konnten. Getanzt wird hier ja ganz anders als in Deutschland.

Besonders im Gedächtnis ist mir auch Annes Auftritt geblieben. Mir wurde im Vorhinein schon von Maria und Julia angekündigt, dass ihre Aufführung einfach zu witzig sei – und das war sie auch Grinsen

Im Anschluss daran verabschiedeten sich in aller Form von Maria und auch Maria konnte noch ein paar Worte an die Kids richten. Formlos klang der Tag dann aber aus. Die Kids machten Musik an und wir tanzten alle miteinander – so konnte auch ich mich an dem singhalesischen Tanzstil ausprobieren, was mir mehr als schwer fiel Winken

In den nächsten Tagen begann dann der Alltag im Angels Home. Zurzeit sieht dieser für mich so aus: Ich fahre vor dem Mittag ins Heim und spiele ein paar Minuten mit Kumari. Sie besucht noch nicht die Schule, da sie sprachlich noch einiges Aufholen muss. Danach setze ich mich an den Rechner und versuche Julia und Frank etwas bei der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Später gibt es dann Mittag – an die Schärfe habe ich mich endlich gewöhnt, in Deutschland werde ich sie sicher vermissen – und die Mädchen treffen mit einem „Good morning everybody“ im Heim ein. Nach dem Mittag wird dann entweder noch ein bisschen gespielt, oder gleich mit der Nachhilfe begonnen. Ich übernehme am Tag zwei Gruppen á zwei Mädchen. Die Kleineren bekommen sowohl Englisch, als auch Mathe-Nachhilfe, die größeren nur noch Englisch. Wie gut die Nachhilfe funktioniert hängt zum großen Teil von den Kids selber ab. Bei manchen ist es Stimmungsabhängig, bei manchen eine grundsätzliche Einstellung. Immer wieder überrascht bin ich von Vihanga. Sie ist supergut in Mathe und das Beste daran ist: Es macht ihr sogar Spaß Grinsen Oftmals will sie nach den Nahhilfestunden noch zusätzliche Aufgaben in ihr Heftchen geschrieben haben, die sie mir dann zur nächsten Nachhilfestunde komplett gelöst vorlegt und „Häkchen“ erwartet. Diese gebe ich natürlich gern.

Auch Anne lernt immer bereitwillig. Wissbegierig stellt sie sich neuen Herausforderungen und bewältigt diese super.

Überrascht bin ich auch immer wieder von Udeschika. Sie ist relativ schlecht in der Schule und da sie schon zu den Älteren gehört hat sie eine immense Stoffmenge aufzuholen, was unmöglich ist. Jedoch spürt man ihre Bemühungen und ihren starken Willen - das beeindruckt mich. Das gleiche gilt für Nawanjena, die bisher noch keine Schule besucht hat und der es sehr schwer fällt Grundlegendes zu verstehen.

Nachhilfe-AsadiNachhilfe-NawanjenaNachhilfe-Vihanga

 Natürlich gibt es auch immer wieder Kids die gerade keine Lust auf Nachhilfe haben und ja, schmollen. Doch auch hier ist es letztendlich ein schönes Gefühl die Kids nach längeren Bemühungen zum sprechen und vielleicht sogar zum Lächeln gebracht zu haben.

Gegen um fünf ist dann auch endlich mit dem ganzen Schulzeugs Schluss – naja, manchmal auch nicht. Die Kinder haben ja auch noch Hausaufgaben. Nachdem ich sie dann aber dabei unterstützt habe, kann die Freizeit beginnen. Gespielt wird auf den großen Spielplatz des Angels Home. Ich hab meist überhaupt keine Ahnung, was wir gerade spielen oder wie das Spiel heißt – aber das ist kein Problem, die Spielregeln sind meist leicht zu verstehen. Hauptsache es macht Spaß. Winken

Gegen sechs geht’s dann entweder mit dem Fahrrad oder mit dem Tuk Tuk nach Haus.

So reibungslos wie hier beschrieben findet aber nicht jeder Tag statt. Überraschungen sind vorprogrammiert. Hier nur ein paar kleine Besonderheiten der letzten Tage:

Als ich letzte Woche ins Heim fuhr, waren einige Mädchen ganz aufgeregt. Ich, natürlich verwundert darüber was los war, begab ich auf die Suche nach den restlichen Kids. Niemand auf dem Spielplatz, niemand hinterm Haus. Sie mussten also, was ziemlich ungewöhnlich ist, alle im Haus sein. Als ich im ersten Zimmer niemanden antraf zogen mich zwei Mädchen von hinten in den so genannten „Sick-Room“. Ahhh, da waren also alle. Wie eine Traube saßen fast alle Mädchen des Angels Home um ein Bett auf dem Dilki lag, die sich Luft zufächerte. Ich fragte was los sei. Eines der Mädchen antwortete: „Dilki become Big Girl“. Da ich vorher schon darüber gelesen hatte, wusste ich worum es geht, sonst wäre mir diese Antwort wahrscheinlich vorerst ein Rätsel geblieben. Dilki wird erwachsen. Sie hat zum ersten Mal ihre Periode bekommen. Das scheint hier eine große Sache zu sein, denn Dilki durfte die nächsten drei Tage auch nicht die Schule besuchen. Aus irgendeinem Grund darf sie sich während dieser Zeit auch nicht die Haare waschen. Mal sehen, ob ich noch rauskriege warum. Auf jeden Fall ist es aber sehr interessant auf diese Weise die Traditionen der Einheimischen kennenzulernen.

Eine Weitere Neuheit – für Deutsche ebenfalls etwas sehr ungewöhnliches – dürfte ich ein paar Tage später erfahren.

Letztes Wochenende kam ich ins Heim. Da am Wochenende keine Nachhilfe stattfindet schlug die Matron vor, wir könnten doch mit den Mädchen zum Strand gehen. Ich sagte sofort zu, denn darauf hatte ich auch selber große Lust. Dann stellte sich jedoch die Frage, wie es mit der Sicherheit aussieht. Als ich erfuhr, dass weder die Kinder, noch die Matron oder andere Angestellte schwimmen können, wurde mir dann schon etwas mulmig. Die Strömungen hier sind ziemlich stark. Selbst als guter Schwimmer sollte man sich hier nicht überschätzen. Ich also als einziger Schwimmer mit 20 Kids an den Strand? Da traut mir die Matron aber fiel zu. Kurz darauf erfuhr ich aber, dass Julia auch mitkommt. Das mulmige Gefühl ließ allmählich nach und das Abenteuer konnte beginnen. In Zweierreihen liefen die Kids an der Seite der Strasse (also ganz VorbildlichGrinsen) hinunter zum Strand. Da dieser fast direkt vor der Haustür ist, war das Ziel schnell erreicht. Am Anfang waren die Kinder ziemlich aufgeregt und sie verteilten sich sehr weit weg am Strand entlang, bauten Sandburgen, bespritzen sich oder genossen einfach nur das Meer. Relativ schnell waren aber alle wieder beisammen. Die Kleinen setzten sich in einer Reihe in den Sand, sodass die Wellen sie bis zum Oberkörper erreichten. Da Gelächter war groß, wenn eines der Mädchen Wasser direkt ins Gesicht bekam oder die Kleidung durch die Wellen verrutschte. Kumari, unser Wirbelwind, war kaum zu bändigen. Sie scheint das Wasser sehr zu lieben. Bei jeder Welle ließ sie sich fallen, tauchte unter und wollte von der Welle hinaus aufs Meer getragen werden. Sie hatte einen Heidenspaß und wurde nicht müde dabei es weiter zu versuchen. Die größeren Mädchen veranstalteten gleich neben uns eine Wasserschlacht und Anne lag mit ihrem Kopf Richtung Strand, weil sie versuchte nur ihre Haare nass zumachen – was natürlich nicht wirklich glücken wollte. Ein grandioses Bild hat sich da in mein Gedächtnis eingebrannt GrinsenNatürlich war die Angst, eines der Mädchen könnte von den Wellen mitgerissen werden, immer im Hinterkopf, sodass ich mich nicht ganz fallen lassen konnte. Wir stellten uns vor die Kids, dass wir im Notfall sofort hätten reagieren können. Dieser Notfall trat aber zum Glück nicht ein. Also: Ein rundum gelungener Tag Grinsen

Ein weiterer besonderer Tag war der Parentsday. Dieser findet jeden letzten Sonntag im Monat statt. Ich wusste gar nicht, dass hier so ein Tag veranstaltet wird, deshalb war ich gespannt darauf die Bekannten und Verwandten der Kids zu sehen. An diesem Tag war ich eher im Heim. Es gibt einige Kinder die selten oder nie Besuch bekommen, daher war es besonders wichtig, dass diese über den ganzen Tag verteilt eine Beschäftigung hatten. Einige Verwandte kamen gleich früh, sogar mehrmals am Tag. Andere kommen regelmäßig, jeden letzten Sonntag im Monat und noch andere schaffen dies nicht und bleiben daher fast den ganzen Tag im Heim. Es war ein Tag voller Gefühle, die zeitweise schwer mit anzusehen waren. Doch das Lächeln und die Freude überwogen eindeutig Grinsen

Neben dem ganz normalen Alltag der Mädchen, bin ich nicht nur für die Kinder da, helfe ihnen bei den Hausaufgaben, unterstütze sie bei der Nachhilfe und schlichte Streite – Viel wichtiger für mich ist, dass sie mich an ihrem Durcheinander und Ihren Freuden teilhaben lassen. Die Zeit mit ihnen wird dadurch viel schöner und intensiver.