Tagebuch Verena Kolk. Das zweite Gesicht. 28.01.2009



Nun sind schon die ersten zwei Wochen meines Praktikums um und es ist schon sooo viel passiert, dass es mir vorkommt, als wäre ich schon ewig hier.

Die Nachhilfestunden für die Mädles haben begonnen und sich auch gleich schon so eingespielt, dass wir mittlerweile einen „Nachhilfetisch" haben, der von den jeweiligen Mädchen immer schon aufgestellt bzw. aufgesucht wird. Julia und Sophie hatten die Mädchen ja in verschiedene Gruppen aufgeteilt und es ist wirklich auffällig, wie unterschiedliche Niveaus die Mädchen im Englischen haben, zum Teil auch ganz unabhängig von ihrem Alter. So übt man mit einigen die Buchstaben des englischen Alphabets, während andere schon freie Texte formulieren können. So muss man sich für jede Gruppe passende Aufgaben überlegen. Nachdem Sophie und ich die erste Woche alle Gruppen zusammen unterrichtet hatten, haben wir jetzt die Gruppen aufgeteilt, so dass jeder am Tag eine hat und man in der restlichen Zeit zum Beispiel bei den Hausaufgaben helfen oder etwas spielen kann.

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Die letzten beiden Tage habe ich dann schön touri-mäßig mit Sightseeing verbracht Grinsen - ich bin mit Kathi und Julia nach Kandy gefahren. Schon die Fahrt durch das Bergland mit den kleinen Dörfchen war sehr lohnenswert, weil man sehen konnte, wie viele unterschiedliche Landschaftstypen Sri Lanka besitzt. Kandy ist echt eine tolle Stadt, in der man viel unternehmen kann: den Tempel mit dem heiligen Zahn Buddhas besuchen, sich den traditionellen Kandy-Dance anschauen oder im Botanischen Garten mit ganz vielen verschiedenen Pflanzen umherspazieren, das war ein straffes Programm für einen Tag Aufenthalt! Aber es hat sich sehr gelohnt und ich habe auch die Rückfahrt gut überstanden, die ich ja alleine angetreten hatte.

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Aber so schön und aufregend meine Zeit hier auch ist, so sammelt man nicht nur positive Eindrücke und Erfahrungen. Für mich war es krass, die Mentalität und Einstellungen der Singhalesen einerseits gegenüber Kindern und andererseits gegenüber „den Weißen" mitzuerleben.

Ersteres bekam ich am Sonntag mit, als der monatliche Besuchstag im Heim war. Die Mädels konnten sich überhaupt nicht zum Spielen motivieren und es herrschte den ganzen Tag irgendwie eine ganz beklemmende Atmosphäre: man konnte den Mädels richtig ansehen, wie sie schwankten zwischen der Hoffnung, Besuch zu bekommen und dem Versuch, sich nicht zu sehr zu freuen, um eine eventuelle Enttäuschung zu vermeiden. Wenn die Eltern bzw. Elternteile oder Verwandten dann kamen, regte sich kaum etwas in den Mienen der „Beteiligten", die Kinder wurden mit einem Kopfnicken begrüßt oder zum Teil erst mal gar nicht, Körperkontakt gab es kaum. Später setzten sich einige Eltern/ Verwandte schon mit ihren Kindern hin und unterhielten sich, aber das Ganze wirkte immer sehr distanziert. Man kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie schwer es für die Kinder ist, zwischen der Liebe und Loyalität gegenüber den Verwandten und dem Wissen um die teilweise schlimme Vergangenheit und das Weggegeben-worden-Sein hin- und hergerissen zu sein. Besonders heftig fand ich eine Konstellation, in der die Mutter eines Mädchens jetzt mit dem Vater eines anderen Mädchens zusammen ist und die beiden mit ihrem gemeinsamen Kind ihre „früheren" Kinder besuchen, die sie beide weggegeben hatten. Das fand ich schon sehr bedrückend und mir fiel es schwer, für die Eltern und ihre Entscheidung Verständnis aufzubringen. Trotzdem bleiben es natürlich die Verwandten der Kinder, aber man kam schon darüber ins Grübeln, ob der Besuchstag für die Kinder und ihre Gefühlszustände eher positiv oder negativ ist.

Der zweite Punkt, der mir aufgefallen ist, ist das Verhalten gegenüber den „Weißen". Fast alle Singhalesen starren einen auf der Straße völlig unverhohlen an und viele versuchen auch, mit einem ins Gespräch zu kommen. Bei den meisten merkt man aber leider recht bald, dass sie kein wirkliches Interesse an einem selbst haben, sondern einem vor allem irgendetwas verkaufen oder anbieten und einem das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Natürlich ist es ihnen nicht zu verdenken, denn die meisten Weißen sind Touristen, die für einen kleinen Ausflug mehr Geld dabei haben als ein Durchschnittsarbeiter hier im ganzen Monat verdient. Andererseits macht es einen aber auch bei jedem, dem man begegnet, skeptisch und misstrauisch, so dass man immer gleich das Schlimmste vermutet und sich gar nicht auf ein Gespräch einlassen möchte. Zum Glück habe ich auf meiner Rückfahrt gestern aber auch einige sehr nette und uneigennützig hilfsbereite Menschen kennen gelernt, so dass sich dieses Bild ein wenig wieder relativiert hat. Trotzdem bleibt dieses seltsame Gefühl, ständig unter Beobachtung zu stehen und „abgecheckt zu werden - ob wir das in Deutschland mit Fremden wohl auch so machen?

Mit diesen nachdenklichen Worten verabschiede ich mich erst mal und wünsche euch einen schönen Tag!