Tagebuch Daniela Anton. Zu guter Letzt – Abschließendes zu meiner Zeit in Sri Lanka...04.09.2009


Seit eineinhalb Wochen bin ich nun wieder in Deutschland, genieße den Luxus einer Waschmaschine, habe Unmengen deutscher Schokolade und italienischen Essens genossen, Berge von Geschenken verteilt und die letzte Ameisenstraße, die hartnäckig sogar den Flug überlebt hatte, aus meinem Gepäck entfernt. Und nun wird es Zeit, ein Resümee zu ziehen und die Gedanken über meine Zeit in Sri Lanka zu Papier oder besser „zu Bildschirm" zu bringen.

Die Tatsache, dass mir der Abschied vom Angels Home und ganz besonders von den Mädels sehr schwer gefallen ist, spricht an sich schon dafür, wie sehr mir die 19 Kinder und auch das ganze Team in den zwei Monaten ans Herz gewachsen sind. Alle Probleme, die man in Deutschland tagtäglich sieht oder die man sich selbst erschafft, aller Stress und alle Gedanken an Zukunft und Karriere waren jeden Tag aufs Neue wie weggewischt, wenn ich mit dem Fahrrad die Bowatta Temple Road hinauffuhr (oder schob), die Entwicklungen auf der Baustelle für das neue Heim sehen konnte, mir vorstellte, wie es dort in zwei Jahren aussehen wird und welche neuen Chancen sich für die Kinder dort eröffnen werden. Und wenn ich schließlich von Weitem das erste Mädchen erspähte, das im Garten arbeitete oder spielte, dann schlug mein Herz nur noch für diese Kinder und ihre Welt, die ich versucht habe, in meiner Zeit in Sri Lanka zu verstehen und ein wenig mit meinen Ideen und meiner Kreativität zu bereichern. Aber in Wahrheit habe ich aus der Begegnung mit den Kindern vermutlich mehr gelernt als sie durch mich. Ihre Offenheit und Wärme, ihr Lachen und ihr Wille, die Welt zu begreifen und zu meistern, ihre Kreativität und ihr Talent, sich durch Tanz auszudrücken, werden mir wohl mein Leben lang in Erinnerung bleiben. Ebenso werde ich jedoch nicht vergessen, welche Probleme das Land, das ich nun nicht mehr uneingeschränkt als Trauminsel ansehen kann, in sich birgt, wie viel Armut, Korruption und Ungerechtigkeit hinter den nicht gerade gut verschlossenen Türen der Menschen in dem doch eigentlich wunderschönen Land herrschen und wie viel Leid die Kinder im Heim, die jedoch im Grunde auch in vielerlei Hinsicht durch die Gesellschaft um sie herum geprägt sind, schon erfahren mussten. Mein Praktikum und auch die vielen Erzählungen von Julia und Frank haben mir auf vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und ich hoffe, dass mir dieses Wissen auf meinem weiteren Lebensweg helfen wird, Entscheidungen zu treffen und richtig und umsichtig über Menschen und Kulturen zu urteilen.

Da ich schon vor meinem Abflug so unglaublich viel über das Projekt gelesen hatte und recht häufig mit Julia und Frank gesprochen hatte, hatten einige Freunde und auch ich ein wenig Angst, dass meine Erwartungen an meine Zeit in Sri Lanka möglicherweise nicht erfüllt werden könnten. Als sich das bemalte Tor des Angels Home dann zum ersten Mal für mich öffnete, war mir innerlich jedoch auf eine unbestimmte Weise klar, dass ich mit diesem Praktikum genau die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich habe mich im Angels Home und in meiner Arbeit am Projekt stets zuhause und wohl gefühlt, und die Öffentlichkeitsarbeit und auch die Beschäftigung mit den Kindern gingen mir meist recht leicht von der Hand und machten mir ungemein Spaß. Manchmal kamen mir das Leben in Marawila und die Stunden im Heim bereits vor, als hätte ich nie etwas anderes getan und als würde es ewig so weiter gehen. Es ist schön, zu sehen, dass man mit ein wenig Liebe und Menschlichkeit überall auf der Welt Mittel und Wege findet, zu den Menschen durchzudringen und neue Freundschaften zu knüpfen, selbst wenn dazu die sprachliche Basis fehlt. Und als wir nach unserem Ausflug nach Koslanda um Mitternacht im Bus saßen und mein Geburtstag begann - mit einer schlafenden Asadi auf dem Schoß und einer schlafenden Emesha im Arm - konnte ich mir keinen Ort auf der Welt vorstellen, an dem ich diesen Moment lieber erlebt hätte.

Ich bin dankbar für die vielen überwältigenden Erfahrungen, die ich in meinem Praktikum und auch generell in Sri Lanka machen konnte, für das Lächeln der Mädchen und vor allem dafür, dass am Ende ausnahmslos alle von ihnen Vertrauen zu mir gefasst hatten und man sich eine Ebene geschaffen hatte, die notfalls auch ohne Worte funktionierte, die auf Lächeln, Zeigen und Händehalten basierte. Ich bin ebenso dankbar für die vielen Schwierigkeiten, Kommunikationsprobleme und Kulturunterschiede, die mir die Augen geöffnet haben für die Tatsache, dass die Träume, die wir in Deutschland für uns und für andere haben, und das Weltbild, das wir uns erschaffen, nicht notwendigerweise mit dem anderer Kulturen übereinstimmt und dass wir unseren Egoismus dahingehend ablegen müssen, da wir nicht zwangsläufig immer wissen, was das Beste für Menschen in anderen Teilen der Welt ist.

Auch Julia und Frank bin ich natürlich unglaublich dankbar dafür, dass sie mir diese Erfahrungen ermöglicht haben. Ohne sie hätte ich niemals so viel über das Land und das Projekt lernen können. In Julia habe ich immer eine Zuhörerin gefunden, die auf jede Art von Feedback und neue Ideen eingeht und die dankbar ist, wenn sie auf jemanden trifft, der selbständig denken kann. Auch, wenn wir nicht den besten Start hatten, hatte ich das Gefühl, dass wir uns jeden Tag, den das Praktikum dauerte, ein kleines Stückchen mehr schätzen gelernt haben und ich hoffe, dass diese Entwicklung weiter bestehen bleibt, da ich Julia und ihren Tatendrang mittlerweile sehr ins Herz geschlossen habe. Und auch, wenn Frank und ich nicht immer einer Meinung waren, habe ich unglaubliche Achtung vor dem, was er in Marawila auf die Beine gestellt hat. Er ist ein unglaublich kreativer und innovativer Mensch, der auch mal quer denkt und sich nicht davon beirren lässt, wenn kein Singhalese seine Gedankengänge und Zukunftsträume nachvollziehen kann. Am Ende sind alle immer überrascht davon, was er wieder großartiges erschaffen hat. Besonders dankbar bin ich ihm dafür, dass er uns den letzten Tag mit den Mädels am Meer ermöglicht hat. Einen schöneren letzten Tag in Sri Lanka hätte ich mir nicht vorstellen können. Zu sehen, wie ausgelassen die Mädels im flachen Wasser herum tobten, mit ihnen Wasserschlachten zu veranstalten und schließlich völlig erschöpft komplett angezogen auf dem nassen Sand zu sitzen, und auf die nächste Welle zu warten, die einem das Wasser bis zum Bauchnabel spülen würde, war ein unglaublich schönes Erlebnis.

auf_dem_weg_zu_little_smileTrotzdem endete der Tag natürlich mit einigen Tränen meinerseits, als es schließlich darum ging, mich noch vom Personal und den acht Mädels zu verabschieden, die noch nicht in die Ferien gefahren waren. Die kleine Rede, die Mali hielt, war wirklich bewegend und die wunderschönen Blumensträuße, die kreativen Abschiedskarten und ganz besonders die guten Wünsche, die von meinen kleinen neuen Freunden oder - was wohl besser nach Sri Lanka passt - Schwestern, kamen, werde ich wohl für immer in meinem Herzen behalten. Ganz besonders bewegend war für mich, als die Miss ein letztes Mal „Wer lässt die Sterne strahlen" für Manu und mich anstimmte, ein Lied, das ich den Kindern während meines Aufenthaltes beigebracht hatte und das sie nun schon ganz selbstverständlich auswendig und stolz singen können. Alle Mädels begleiteten uns diesmal auf dem Weg zum Hoftor und bevor sich dieses zum letzten Mal hinter uns schloss, wandte ich noch einmal ein paar neu gelernte Worte Singhalesisch an und rief den Mädels als Antwort auf ihre Wünsche und ihre Liebe ein „I love you" (in etwa: „Mame oyate aderei") zu.

Ich fand es nicht sehr schwer, mich in Deutschland wieder einzufinden, da ich prinzipiell ein sehr strukturierter und zielstrebiger Mensch bin, der in eine westliche Kultur wohl weitaus besser passt als in die Regellosigkeit und in das gelegentliche Chaos Sri Lankas. In zwei Wochen beginnt in Bayern die Schule und ich bin gespannt auf die sieben Stunden Unterricht, die ich neben meiner Promotion in der englischen Fachdidaktik wöchentlich geben werde. Trotzdem werde ich mit meinen Gedanken noch häufig bei den Mädels und dem Team in Sri Lanka sein und ich wünsche allen nachfolgenden Praktikanten eine ebenso tolle Erfahrung, wie ich sie erleben durfte, auch wenn ich vielleicht ein ganz kleines bisschen neidisch sein werde, dass ich nicht auch dabei sein kann. Aber ich hoffe natürlich, in zwei Jahren zur Eröffnung des neuen Angels Home wieder nach Marawila zu kommen. Bis dahin wünsch ich euch, Julia und Frank, dem ganzen Team und natürlich allen Mädels alles erdenklich Gute und ich verbleibe mit den besten Wünschen,

Eure Dani.