Tagebuch Manuela Sinsel. Durcheinander im Praktikantenalltag. 05.08.2009


Die ersten drei bis vier Wochen sah unser Praktikantenalltag, an den wir uns doch recht schnell gewöhnt hatten, so aus: Vormittags ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit, dann die Nachhilfe für die Kinder vorbereiten, zur Mittagszeit ins Heim, vielleicht eine Stunde mit den Mädels reden und spielen, zwei Stunden Nachhilfe geben, nochmal eine Stunde Freizeit mit den Kindern und dann ging es auch schon wieder ab nach Hause.

Doch vor eineinhalb Wochen geriet dieser Tagesablauf plötzlich ins Wanken, da in der Schule die Examenszeit begann. Da Daniela und ich die Mädels ja nur in Englisch und Mathe unterstützen können, sie aber zum Teil bis zu zehn Klausuren in den unterschiedlichsten Fächern (z.B. Geschichte, Erdkunde, Musik, Tamil und Sinhala) zu schreiben haben, wirkte sich das natürlich auch auf unser herkömmliches Lernprogramm aus. Die täglichen Nachhilfestunden fielen der Klausurenzeit sozusagen zum Opfer und die Mädels lernten größtenteils selbstständig oder in kleineren Gruppen für ihre jeweiligen Tests. Unsere Aufgabe beschränkte sich darauf, sie bei Bedarf zu unterstützen, ihnen in den Fächern, in denen es uns möglich war noch kurze Last-Minute-Crash-Kurse zu geben oder zu versuchen, sie dazu zu bewegen, sich wirklich mal eine Stunde mit ihren Büchern hinzusetzen und den Unterrichtsstoff zu wiederholen. Gerade die letzte Aufgabe war nicht besonders einfach, da die meisten Mädchen beim Lernen überhaupt keine Ausdauer besitzen und sich nur allzu leicht wieder ablenken lassen, reden, spielen oder einfach über ihrem Heft sitzen und vor sich hin träumen.

Was uns erstaunte, war, dass die Mädchen immer erst einen Tag im voraus für den Test am nächsten Tag zu lernen begannen, denn wir sind uns sicher, dass die Ergebnisse wesentlich besser ausfallen würden, wenn sie vielleicht einfach ein paar Tage früher mit Lernen begonnen hätten. Unser Versuch, den Kindern das zu erklären, stieß jedoch weitgehend auf Unverständnis und großes Entsetzen in den Augen als wir ihnen sagten, wie lange wir zum Teil auf unsere Prüfungen lernen mussten. Dazu muss man natürlich auch sagen, dass die Mädchen einen recht strikt geregelten Tagesablauf im Heim haben und sie zwischendurch einfach etwas mehr entspannen wollen, als es eben gerade während der Lernzeit gut für sie ist. Und auch die Schule erleichtert die Bedingungen nicht gerade. So erfahren die Kinder zum Teil erst ein bis zwei Tage vorher, in welchem Fach sie die nächste Prüfung ablegen sollen und haben oftmals zwei bis drei Prüfungen pro Tag; ein Pensum, dass wirklich nur schwer zu bewältigen ist.

schuluniformenUm so erstaunlicher ist es dann, dass die meisten Mädchen wenn sie Mittags aus der Schule zurückkommen und von uns nach ihren Prüfungen gefragt werden immer nur antworten: „Was good, was easy". Wie hoffen natürlich, dass sie wirklich so erfolgreich waren, wie sie uns das versichert haben, auch wenn wir das leider aufgrund unserer vorherigen Übungsstunden so manches Mal in Zweifel ziehen mussten. Doch auch Erfolgserlebnisse wurden uns beschert, als die Mädchen mit ihren ersten Ergebnissen nach Hause kamen und z.B. Nadisha 68 Punkte in Englisch erreichten. Darauf waren dann auch wir beiden ein wenig stolz, da wir am Tag vor ihrer Klausur genau das Thema mit ihr nochmals geübt hatten.

Für ein paar der Mädchen waren es vielleicht die letzten Prüfungen an dieser Schule, da Frank es in Erwägung zieht gerade den Besseren ab dem neuen Jahr eine Zukunft auf einer anderen Schule zu ermöglichen. So fuhr er vor ein paar Tagen zusammen mit der Mätren des Heims zu einer anderen Schule hier in Marawila und vereinbarte dort mit dem Direktor, dass ungefähr fünf der Mädchen im September einen Aufnahmetest machen, welcher sich aus den beiden Fächern Mathematik und Sinhala zusammensetzt. Da die bisherige Schule leider nicht immer die besten Lernvoraussetzungen bietet, wäre der Wechsel eine tolle Chance für die Kinder, um ihre Ausbildung zu verbessern und somit einer eventuellen Zukunft an der Universität einen kleinen Schritt näher zu kommen.

Eine weitere Abwechslung zu unserem Heimalltag stellen auch die Geburtstage der Kinder da, von denen es allein im August vier zu feiern gibt. Hinzu kommt noch der von Dani und der Köchin Deepanie. Der Ablauf der Geburtstagsfeier ist wirklich süß und war für uns anfangs recht ungewohnt. So bekommt das Geburtstagskind wie in Deutschland auch einen Kuchen mit Kerzen. Diese zündet es jedoch selbst an und nachdem die Kerzen ausgepustet wurden, wird der Kuchen angeschnitten.

dishna_und_mauri geburtstag_shanika

kuchenessenWas diese Zeremonie dann jedoch von Geburtstagen in Deutschland unterscheidet, ist, dass das Geburtstagskind nicht das erste Stück gleich selber isst, sondern erst einmal jeden davon abbeißen lässt.

Erst wenn dies vorbei ist bekommt jeder ein eigenes Stück Kuchen welches er dann auch ganz allein verspeisen darf. Danach geht dann jeder einzelne nach vorn zum Geburtstagstisch, um dem Mädchen zu gratulieren und eventuell eine selbst gebastelte Glückwunschkarte zu überreichen und meistens gibt es anschließend noch eine kurze Gesang- oder Tanzeinlage der Mädchen. So durften auch Daniela und ich uns direkt am Tag nach unserer Ankunft blamieren und haben versucht für bzw. mit den Kindern zu einem singhalesischen Lied zu tanzen, was auf beiden Seiten zu großem Gelächter geführt hat.

Immer wieder kommt es anlässlich solcher Geburtstage auch zu kleinen, berührenden Episoden, wie zum Beispiel kürzlich bei der kleinen Dishna, die am Sonntag ihren achten Geburtstag feierte. So kam sie Samstag Nachmittag zur Mätren des Heims, mit der Bitte, ob man nicht vielleicht ihre Mutter anrufen könne, um diese daran zu erinnern, dass sie doch am Sonntag im Heim anrufen soll, um ihrer Tochter zum Geburtstag zu gratulieren. Es ist irgendwie schon traurig zu sehen, wie sie Angst hat, ihre Mutter könne diesen für sie doch so wichtigen Tag vergessen, doch wir hoffen, dass sie die Geburtstagsfeier am heutigen Montag, die sie zusammen mit Mauri gefeiert hat, dafür entschädigt hat und sie trotzdem eine schöne Feier hatte.

Ich jedenfalls empfinde die Geburtstage als etwas ganz besonderes, da man den Mädchen den Zusammenhalt wirklich anmerkt, wenn sie sich wie Schwestern gratulieren und man das Strahlen in den Augen der Geburtstagskinder sieht, die sich darüber freuen, dass sie an diesem speziellen Tag für eine kurze Zeit im Mittelpunkt stehen und die ungeteilte Aufmerksamkeit haben.

 

 

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