Der Einzelne nur Schaum auf der Welle


Die Aussage, der Einzelne sei nur Schaum auf der Welle, welche seinerzeit von Georg Büchner in einem seiner zahlreichen Briefe niedergeschrieben wurde, schwirrt in meinem Kopf herum, während ich am Meer sitze und sich die Wellen geräuschvoll am Ufer brechen.

In einem Moment persönlicher Frustration kreiert er die Metapher, der Mensch sitzt wie Schaum auf der Welle, welche repräsentativ für den unberechenbaren Verlauf des Lebens steht. Ihre Richtung unvorhersehbar, nicht zu beeinflussen.

Manchmal überkommt einen das Gefühl, man sei dem Leben ausgesetzt und gleichzeitig sehe ich ihn dennoch nicht als einen passiven Bestandteil des Lebens, wie wir ihn in Büchners Metapher verkörpern. Es kommt durchaus vor, dass wir uns einfach vom Leben mitgerissen fühlen und unser Weg bleibt meistens ungewiss. Trotzdem finde ich den Gedanken naheliegender, dass wir auch vom Leben getragen werden- in diesen Momenten ist es dann auch nachvollziehbar, sich wie eine kleine Schaumkrone auf einer gewaltigen Welle sitzend, vorzukommen.

Das Problem des UngleichgewichtsBüchner verwendet seine Metapher im Bezug auf die, zur Zeit der französischen Revolution bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse. Dabei kritisiert er vorherrschenden Machtverhältnisse und die daraus resultierende Chancenungleichheit. Und jene Ungleichverteilung von Möglichkeiten war nicht nur zu Lebzeiten Büchners vorherrschend, sondern ist auch heute noch ein realer Bestandteil unserer alltäglichen Lebenswelt, dabei erscheint sie oftmals als unveränderlich.

Nicht allen ist es in demselben Maße möglich, den Zukunftsweg eigenständig zu gestalten, sich dabei Zeit zu nehmen, einen Zugang zu entsprechender Bildung zu erhalten und sich auszuprobieren, um auf diesem Wege herauszufinden, welche Richtung man letztlich einschlagen möchte. Für viele bleiben Träume dabei nur Bilder, die nicht einmal in greifbare Nähe rücken. Gerade, wenn man in seiner eigenen Lebensblase hängt, verdrängt man diese Realität leicht. Dennoch ist sie unübersehbar und vertieft sich fortgehend, auch dadurch wie wir im globalen Kontext politisch und vor allem auch wirtschaftlich agieren.

Man kann sich leicht davor verschließen, doch wenn ich Gedanken über diese vorherrschende Ungleichheit zulasse, mich damit auseinandersetze und darüber nachdenke, dann ist Büchners damaliges Gefühl von Resignation in keinster Weise verwunderlich. Eine Ohnmacht gegenüber sozialen Strukturen, die schon seit Jahrzehnten Bestand haben und sich im Verlauf unserer gesellschaftlichen Entwicklung verfestigt haben. Sie drängt sich auf und erscheint wie eine undurchbrechbare Mauer, welche den Weg versperrt und den Gedanken an Auswegslosigkeit verursacht, woraus im nächsten Moment ein Gefühl der Hilfslosigkeit resultiert, von dem ich für mich persönlich noch herausfinden muss, wie ich damit umgehen kann.

Der Einzelne im Boot sitzendUnd auch wenn ein solches Gefühl manchmal sehr stark auftritt, so sehe ich den Menschen oftmals eher in einem Boot sitzend, weniger als Schaum auf der Welle reitend. Denn jenes Boot ist zwar ebenfalls den Launen des Lebens ausgesetzt, aber dennoch lenkbar. Vielleicht ist es uns manchmal nur schwer oder auch gar nicht möglich als Einzelperson oder im Kollektiv im Großen einzugreifen. Aber womöglich sollte dies auch zunächst nicht das anzustrebende Motiv unseres Handelns sein. Aber mir ist nochmal deutlich bewusst geworden, dass es wichtig ist, zunächst den Fokus darauf zu legen scheinbar kleine, aber dafür im Bereich des Möglichen liegende, Veränderungen herbeizuführen und uns nicht von dem Gefühl von Hilfslosigkeit überwältigen lassen, die uns nur daran hindert, es überhaupt zu versuchen, Einfluss zu nehmen, eine Veränderung zu realisieren. Und auch wenn jene Veränderungen im Vergleich zum Gesamten vielleicht fast unbemerkt bleiben, so sind sie dennoch bedeutsam in dem Umfeld, in dem sie geschaffen werden können.

Das Problem des UngleichgewichtsIch habe Respekt vor der Arbeit derjenigen Menschen, die das bestehende Grundproblem der Ungleichheit in unserem Gesamtsystem anerkennen können und auch versuchen diesem entgegenzuwirkem, auch wenn es Anlass zu viel Frustration sein kann und auch die eigene Arbeit in dem System, welches man selbst baut, um mögliche Veränderungen zu schaffen, erschwert. Jenes Grundproblem aus dem viele weitere Schwierigkeiten resultieren, die manchmal die Frage aufwerfen, ob es überhaupt noch Wege gibt, die einen Richtungswechsel veranlassen können. Ich habe großen Respekt vor denjenigen Menschen, die sich Tag für Tag damit auseinandersetzen, ihre Zeit und auch Mühe darin investieren, auch in solchen Situationen, wo es unglaublich schwierig sein muss, einer sich anbahnenden Resignation Widerstand zu leisten. Ich denke, dass es deshalb notwendig ist, die ursprüngliche Zielsetzung, den ursprünglichen Anstoß für die Schaffung eines Hilfsprojektes zu bewahren, denn nur mit einem Handeln, welches für die Grundmotivation noch fördernd ist, kann man weitere Schritte gehen. Wichtig dabei bleibt dann immer auch die Einstellung gegenüber der eigenen Arbeit und dem menschlichen Miteinander, die Prioritäten, die man sich und seiner Arbeit setzt. Es stehen einer solchen Standhaftigkeit auch immer Rückschläge und Enttäuschungen gegenüber, die sehr belastend sind. Dennoch ist der richtige Umgang mit solchen Situationen, eine Notwendigkeit für neuauflebende Chancen. Gleichzeitig bin ich mir auch deutlich dessen bewusst, dass dies leichter auszuprechen als umzusetzen ist und ich kann nachvollziehen, wie man sich schnell an den Rand des Möglichen getrieben fühlt- umso bewundernswerter, wenn es tatsächlich gelingen sollte fortzufahren, ohne den Blick auf das Wesentliche zu verlieren.

Eine Veränderung muss auch von den Mädchen selbst ausgehenObwohl seine Verzweiflung in seinen Briefen deutlich zum Vorschein kommt, so kann man doch sagen, dass Büchner Ideale hatte und überzeugt war vom Fortschritt, was auch in seinem Handeln deutlich hervortritt. Und ich denke, dass ein Fortschritt auch hier im Angels Home erzielt werden kann. Denn unsere Mädchen haben, wie alle anderen auf dieser Welt auch, Wünsche und Träume. Das Bedürfnis irgendwann auf eigenen Füßen zu stehen, ihren eigenen Lebensweg verfolgen. Natürlich ist es uns nicht möglich vor dem Antritt unserer Existenz zu bestimmen, in welche Lebensumstände wir hineingeboren werden und deshalb sind auch die Gestaltungsmöglichkeiten im Leben eines jeden Einzelnen von unterschiedlicher Dimension. Aber dennoch ist es möglich jene Gestaltungsmöglichkeiten auszuweiten. Und genau das ist es, was hier im Angels Home angestrebt wird. Die Mädchen wachsen in einem stabilen Umfeld auf, haben den Zugang zu Bildung und es wird versucht sie während ihres Heranwachsens zu unterstützen.

Wenn zwei Welten sich berühren, kann etwas daraus wachsenMan darf nicht hier ankommen mit der Erwartung, man könne in drei Monaten tiefgehende Veränderungen schaffen, sondern sollte seinen Aufenthalt als Teil eines Entwicklungsprozesses begreifen, der sich über einen längeren Zeitraum verteilt. Man ist dabei Teil eines Projektes, welches darauf hinarbeitet, die Selbstbestimmungsmöglichkeiten und den Gestaltungsspielraum der Mädchen zu erweitern. Ob sie diese letztendlich wahrnehmen bleibt ihnen selbst überlassen, denn schließlich muss jeder seine eigenen Entscheidungen im Leben treffen, die uns von keinem Zweiten abgenommen werden können. Gleichzeitig muss man sich auch immer fragen, in wieweit es ihnen möglich ist und auch hinterfragen, weshalb sich Schwierigkeiten bei der Wahrnehmung der gegebenen Möglichkeiten ergeben. Wie kann man die Mädchen auf ein Leben vorbereiten, von dem sie noch keine richtige Vorstellung haben, welches sich grundlegend von dem routinierten Ablauf des Heimlebens unterscheidet? In welchem Maße und in wiefern ist es uns überhaupt möglich Einfluss auf das Leben anderer Menschen zu nehmen? Auch wenn wir dies tun, bleibt doch häufig ungewiss, ob dies eine dauerhafte und auf zukünftig noch wirkende Veränderung im Leben eines anderen Individuums hervorruft. Die Frage danach, wie ich mit dieser Ungewissheit umgehe, mit den Gedanken, die zur Zeit in meinem Kopf umherschwirren und mich mit einigen Fragen konfrontieren zu denen ich keine bestimmte Antwort geben kann, Fragen von denen ich nicht weiß, ob man ihnen mit einer Antwort gerecht werden kann. Fragen, die ein riesiges Labyrinth schaffen, in welchem im mich zur Zeit verloren fühle.

Machts gut meine lieben Mädchen!Gleichzeitig ist mir auch bewusst, dass es zusätzlich um mehr geht, als ausschließlich zu einer solchen Veränderung beitragen zu können. Es geht auch darum, die kleinen und dennoch bedeutsamen Veränderungen zu beobachten. Es geht um die Momente, die man zusammen schafft und miteinander teilt. Um die Begegnungen, die im Gegenüber etwas auslösen, denn die größte Veränderung findet dann doch in einem selbst statt. So ist es manchmal, wenn zwei Welten aufeinander treffen und sich dabei nur kurz berühren, aber einander dennoch beeinflussen. Dabei spielt das Ausmaß dieses Einflusses oftmals nur eine geringfügige Rolle, denn es verbleibt eine Erinnerung, ein Gedanke, manchmal auch nur ein Gefühl, welches eine dauerhafte Veränderung bewirkt, die fortan einen festen Bestandteil unserer selbst bildet. Mit unserem Boot im weiten Meer des Lebens sind wir vielleicht klein und unbedeutsam, doch innerhalb unserer eigenen und beschränkten Lebensblase schenken wir uns gegenseitig Bedeutung. Die Zeit rennt uns so oder so davon, deshalb kommt es für mich darauf an, wie wir sie verbringen, aber vor allem auch mit wem wir sie teilen.

Liebe Grüße,
eure Tara

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