Nehm mich bei der Hand und zeig mir deine Welt.


Jetzt bin ich bereits seit einigen Wochen hier im Angels Home for Children. Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt, kenne den Tagesablauf und habe mich mit meinen Aufgaben als Praktikantin vertraut gemacht. Die Mädchen sind mir bereits in dieser Zeit schon sehr ans Herz gewachsen und beglücken mich jeden Tag aufs Neue!

Gerade beim Schaukeln herrscht gute Laune!Auch wenn sie manchmal kleine Dramen veranstalten, versuchen sich vor der tagtäglichen Gartenarbeit zu drücken oder sich untereinander um Buntstifte streiten, so sind dies oftmals nur kurze Momente der Launenhaftigkeit.

Auch wenn man sich inzwischen daran gewöhnt hat, so ist es dann doch immer unglaublich, wenn ich mir mal wieder bewusst mache, dass ich jetzt bereits seit mehreren Wochen fast den gesamten Tag gemeinsam mit den Mädchen verbringe und die Intimität des Tagesablaufs mit ihnen teile. Es fängt schon morgens an, wenn ich vor dem Sonnenaufgang die Türe zu ihrem Schlafsaal öffne, mir der Geruch des Schlafs erstmal in einer Welle entgegenkommt, ich die Mädchen-manchmal sanft, die Morgenmuffel dann doch weniger sanft- dem Traumland entziehen muss, damit sie sich für die Schule bereit machen können.

Während des Frühstücks herrscht dann immer noch eine Stille, verursacht durch ihre anhaltende Benommenheit vom Schlaf und jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach.
Diese Ruhe wird dann spätestens am Waschplatz durch die morgendliche Hektik durchbrochen, wenn alle ihre Sachen zusammensuchen und die Zahnpasta verteilt wird, wobei ich mir immer ein Gemecker anhören muss, wenn anstelle von "Signal", "Sensodyne" auf der Zahnpasta landet.

Jeden Morgen steht fuer die Maedchen gemeinsames Zähneputzen anUnd trotzdem läuft jeden morgen fast alles wie von selbst, weil die Mädchen so vertraut mit dieser Morgenprozedur sind, dass sie vieles selbstständig erledigen und sich gegenseitig unterstützen. Zum Beispiel beim gegenseitigen Flechten ihrer wunderschönen Haare, um die ich sie nicht selten beneide 😉
Ich bin auch immer wieder beeindruckt, wie selbstständig die jüngeren Mädchen sind. Vor allem dann, wenn ich sehe, wie die kleine Anne sich gründlich ihre Zähne putzt und anschließend ihr Gesicht so stark einseift, dass sie aussieht wie ein kleines Gespenst.

Im nächsten Moment sitze ich dann regungslos da, weil mir der Grund dafür bewusst wird, weshalb Anne morgens auf ihre Eigenständigkeit vertrauen muss. Manchmal lässt man den Gedanken daran, dass manche Mädchen außerhalb des Angels Home keine Familie haben, kaum an sich heran und es fällt einem schwer die volle Bedeutung dessen zu begreifen. Oft bleibe ich mit einem Gefühl der Sprachlosigkeit zurüc. Es erscheint einem so surreal, weil man sich die eigenen Eltern, die Familie aus dem eigenen Leben nicht wegdenken kann, sie unterbewusst oft als eine Selbstverständlichkeit akzeptiert.

Es erscheint mir wichtig, sich für die Situation der Mädchen ein Bewusstsein zu schaffen und gleichzeitig aber auch zu begreifen, dass für diese Mädchen das Angels Home ein Zuhause ist, dass die Mädchen sich gegenseitig Unterstützung, Geborgenheit und Zuneigung schenken. In einer Gemeinschaft, in der sie sich gegenseitig auffangen und füreinander da sind, wenn kein anderer es ist. Denn so wie sie helle und erfreuliche Momente miteinander teilen, so spüren sie auch, wenn es jemandem nicht gut geht und versuchen auch jene Momente gemeinsam durchzustehen.

Jeden Tag gibt es neuen GesprächsstoffUnd doch ist es manchmal auch so, dass die Mädchen in bestimmten Situationen einfach einen Rückzugsmoment für sich selbst brauchen, in dem sie sich aus dem großen Verband lösen und für eine Zeit mit ihren Gedanken, Ängsten oder auch Trauer alleine sind. Zeit für eine Auseinandersetzung mit sich selbst brauchen. Die anderen Mädchen spüren dies oftmals und respektieren die Zurückgezogenheit. In anderen Momenten scheint es dann wieder so, als wüssten sie genau, wann sie auf jemanden zugehen und dieser Person tröstend zureden oder ein anderes Mädchen lieber alleine lassen sollten.

Jeden Tag gibt es neuen GesprächsstoffSelbst wenn die Arbeit mit den Mädchen zu Zeiten auch anstrengend sein kann, so ist sie für mich dennoch sehr erfüllend und wenn die Mädchen mich am Abend manchmal fragen, ob ich müde bin, dann merke ich immer, dass ich zwar müde bin, aber trotzdem glücklich.
Es ist schön ein Teil ihrer Welt zu sein und als ich letzte Woche den halben Tag in Colombo festgesessen habe, um mein Visum zu verlängern, war ich sehr erleichtert, als es schließlich mit der Verlängerung geklappt hat, sodass ich dem Chaos in Colombo schnell entfliehen und wieder zu den Mädchen nach Marawila zurückfahren konnte. Ich genieße die Nachmittage mit ihnen und sie schaffen es auch immer wieder mir ein Lachen ins Gesicht zu zaubern.

Wenn sie mir gespannt beim Singen zuhören und ich schließlich ein paar Akkorde raushauen kann, zu denen sie dann leidenschaftlich ihre Favoriten der singhalesischen Popmusik zum Besten geben.
Wenn Piumi, Maduwanthi und Subani mich nach meiner Lieblingsfrucht fragen und ganz angewidert das Gesicht verziehen, sobald ich ihnen gestanden habe, wie gerne ich Papaya mag.
Wenn Padmini in lautes Gelächter ausbricht, weil der winzige, neongelbe Federball sich so schlecht spielen lässt, dass er überall hinfliegt, nur nicht in die Richtung, in der Hanna darauf wartet ihn zurückspielen zu können.

Maduwanthi und Piumi bevorzugen Weintrauben.Wenn Aruni auf meinem Schoß rumturnt und dann konzentriert meine Beine auf Härchen inspiziert, die sie am Liebsten rauszupfen würde, die Mädchen um mich herum tanzen und Subani meine Haare auf Läuse inspiziert.
In solchen Momenten muss ich dann immer schmunzeln, weil ich mir die Kuriosität dieser Szene vor Augen führe und zugleich wieder das Gefühl habe, am genau richtigen Ort zu sein.

Im Moment gibt es viel und immer mehr, was mich beschäftigt.
Gerade auch Gespräche, die man mit den Mädchen führt, stimmen mich nachdenklich. Dabei kommen zugleich auch ihre ganz eigenen, besonderen Charakterzüge zum Vorschein und ich freue mich, wenn sie mich an ihrem Blickwinkel der Welt teilhaben lassen. Dabei bin ich dann immer wieder beeindruckt von ihrer Aufrichtigkeit sich selbst und mir gegenüber.

Mit Pabodani kann man sich immer gut unterhaltenVon allen Seiten erreichen mich immer noch ganz viele Eindrücke, die sich verstärken, verändern oder vertiefen. Ich bin gespannt darauf, was die kommenden Wochen noch bringen werden. Aber gerade- vor allem morgens, wenn am Himmel leichte rosa Fäden aufziehen, während die Sonne aufgeht, ich bei den Mädchen sitze und gedankenverloren ihrem Gebetsgesang lausche- bin ich einfach nur glücklich.

Liebe Grüße,
eure Tara

For my Friends, here the report in English