Von 0°C auf 33°C und weitere bewegende Geschehnisse


Meine Ankunft in Sri Lanka war überwältigend.

Stechende Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit, großes Gewusel und Straßenlärm. Willkommen am Flughafen in Colombo. 14 Stunden zuvor lief ich noch

durch den Schnee

zum Frankfurter Flughafen und saß etwas später im stark akklimatisiertem Flugzeug, als mich etwas später 30°C in Empfang nahmen.

Bild 2 ChetanaZu meiner Freude folgte eine viel angenehmere Begrüßung, nachdem ich das Flughafengebäude verließ. Ich wurde von 3 freundlich lachenden Gesichtern abgeholt. Trotz des großen Trubels entdeckte ich die Praktikantin, die mich abholte, sofort anhand Julias treffender Beschreibung: " Halte nach dem Bleichgesicht Ausschau!". Sie wurde von zwei Mädchen, Nandika und Chetana, begleitet. Zu meiner großen Freude strahlten mich beide an und gaben mir sofort das Gefühl willkommen zu sein.

Durch die Aufregung und das Adrenalin spürt ich die Hitze kaum noch, aber dafür füllten die neuen Eindrücke meinen Kopf. Die Autofahrt vom Flughafen zum Angels Home war ein Abenteuer für sich und wäre in Deutschland mit Sicherheit verkehrswidrig. Zum Überholen wird kurz gehupt und sich dann am anderen Fahrzeug vorbeigeschlängelt. Ich muss zugeben, dass ich froh war nach einer Stunde heil und ohne Magenprobleme am Angels Home angekommen zu sein.

Bild 3 Verkehr in Sri LankaDie Begrüßung im Angels Home war sehr bewegend. Laute "Hello" und "What's your name?" Rufe schallten über das Grundstück und jedes Gesicht, in das ich schaute, schenkte mir ein Lächeln. Ich bekam Gänsehaut von der Freundlichkeit, die mir entgegengebracht wurde. Ab diesem Zeitpunkt war nicht nur mein Körper von der Hitze überwältigt und mein Verstand, der versuchte alle Eindrücke zu sortieren, sondern auch meine Empfindungen. Diese Überwältigung hielt den ganzen Tag an und hat sich bis heute nicht ganz gelegt.

Bild 4 Flagge von Sri LankaIn den kommenden Tagen lerne ich die Kultur Sri Lankas mit ihren Werten und Normen jeden Tag genauer kennen und kann die Erlebnisse jetzt besser einordnen.

Dennoch gibt es immer wieder Gespräche oder Vorkommnisse, die einen täglich in Gedankengänge verwickeln. Wie die folgende Aussage eines Mädchens, dass es für Frauen in Sri Lanka nicht schicklich ist zu rennen, laut zu sein, lautstark zu lachen oder Hosen zu tragen.

Da meine Kindheit von den genannten Beispielen stark geprägt war, beschäftigt mich diese Äußerung umso mehr. Daraufhin begann ich mich mit den Werten und Normen der Kultur intensiver auseinanderzusetzen und diese zu hinterfragen. Die folgenden Gedanken waren, dass ich es für unfair empfinde den Mädchen diese Erfahrungen vorzuenthalten und dass diese Werte nur sehr wenig Platz lassen, für eine persönliche und individuelle Entwicklung.

Emanzipation ist dadurch gar nicht richtig möglich. Frauen werden nicht nur durch ihr kulturell vorgegebenes äußeres Erscheinungsbild, sondern auch durch ihr kulturell vorgegebenes Verhalten eingeschränkt oder gegebenenfalls missachtet. Diese Überlegungen machten mich wütend und hilflos zugleich.

Bild 6 Kleiderordnung Mädchen und JungenAndererseits habe ich nicht darauf geachtet, ob die Mädchen mit ihrer Realität glücklich sind oder ob sie überhaupt den Wunsch nach Veränderung haben, da die meisten in dieser Kultur leben werden und die Konsequenzen ihres Verhaltens tragen müssen.

Ich denke viel darüber nach, wie ich die Mädchen sensibilisieren und zum kritischen Nachdenken anregen kann. Aber mir ist bewusst geworden, dass das nur ein Angebot für die Mädchen sein kann, die ihre Kultur mit ihren Werten und Normen auch kritisch hinterfragen wollen. Meine Sicht auf die Werte und Normen ist subjektiv und von der Kultur, in der ich aufgewachsen bin, beeinflusst. Das heißt jedoch nicht, dass diese Sicht richtig oder erstrebenswert ist. Dies zu akzeptieren ist nicht immer einfach und ich bin gespannt, wie mir die Herausforderungen gelingen werden...

Die Augenblicke, in denen ich beobachten kann, wie die meisten Mädchen im Angels Home lachen, einige sogar lautstark lachen, bewegen und stärken mich dahingehen, dass ich meine Zeit mit ihnen verbringen möchte.

Mein Wunsch und meine Hoffnung ist es, dass sie so mutig bleiben und sich diese Freude niemals nehmen lassen.

Liebe Grüße,

Anna