Ein nachdenklicher Sonntag

Am Sonntag bleibt die Glocke still...Es ist Sonntag, der einzige Tag in der Woche, wo es nachmittags im Angels Home mucksmäuschenstill ist. Keine Glocke, die zum Waschen oder für die Hausaufgabenzeit klingelt, keine Praktikantinnen, die einige der Mädchen für ihren Englischunterricht zusammensuchen müssen, niemand, der an die Tür klopft, weil er etwas für die Schule braucht oder unser Rat gefragt ist, nicht einmal Frank, der sich zu Hause ein wenig zurückgezogen hat und Sonntag Sonntag sein lässt und gaaaaaaaaaaaaanz wichtig – keine Kinder, die herumschreien, toben oder schnattern. Warum nicht? Weil Sonntagnachmittag Fernsehzeit ist und der Flimmerkasten direkt nach dem Mittagessen eingeschaltet und meist erst zum Tee wieder ausgemacht wird. Toll! Ich liebe Sonntage! Und wer jetzt den Zeigefinger erheben möchte, um mir zu sagen, dass ich so etwas als Kinderheim-Leiterin nicht denken darf, um mir unter die Nase zu reiben, dass es pädagogisch nicht wertvoll ist, Kinder vor den Fernseher zu setzen, damit man seine Ruhe hat, dem sage ich mit einem Lächeln ins Gesicht: Ich darf das und ich genieße es sehr! lächelnd

Denn es sind die Sonntage, die ich allein im Büro verbringe, die mir ein wenig Abstand geben und an denen ich die Ruhe als Geschenk wahrnehme. Oft nehme ich mir für diese Zeit vor, mich auf die Buchführung zu konzentrieren oder andere Dinge von meiner To-Do-Liste abzuarbeiten. Doch letztendlich schweife ich sehr oft ab, beschäftige mich mit unwichtigen Dingen, schaue mir Musikvideos an, schnüffel auf Facebook-Profilen herum und lasse meinen Gedanken einfach freien Lauf. Ich schwelge in Erinnerungen, lese meine alten Tagebucheinträge und denke an frühere Zeiten, wie alles angefangen hat, welchen Weg ich gegangen bin und wo wir heute stehen. Vieles fühlt sich unrealistisch an, irgendwie fremd, so als ob dieses Leben nicht mir gehört, sondern einer Romanfigur. Es ist komisch, dass man in 9 Jahren so viel erleben kann, dass man es zu Hause kaum noch mit jemandem teilen kann. Es fühlt sich merkwürdig an, sich mehr und mehr zu entfremden von der Heimat, in vielen Dingen anders zu sein als die deutsche Durchschnittsfrau mit 32 Jahren. Wo ist die Unbeschwertheit geblieben, mit der ich früher durchs Leben gegangen bin? Warum muss man sich als Erwachsene über alles so viele Gedanken machen? Würde ich etwas ändern, wenn ich die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte? Warum kann ich nicht einfach noch einmal 14 sein? Und überhaupt, was mache ich eigentlich in meinem nächsten Leben?

Ein Bild aus alten Zeiten. Fast alle von diesen Mädchen sind nun junge Damen und wohnen nicht mehr bei uns.Es sind viele Fragen, die mir in den letzten Wochen durch den Kopf gehen, zumal diese für Frank und mich auch nicht so ganz leicht waren. Um den Jahreswechsel herum und auch noch in den Wochen danach mussten wir uns von vielen Mädchen verabschieden, die entweder ihre Schule beendet haben oder in verbesserte Familienverhältnisse zurückgeschickt werden konnten. Dabei handelte es sich auch um ein paar Mädels, die sehr, sehr lange bei uns waren und die uns in all den Jahren ein bisschen wie eigene Kinder ans Herz gewachsen sind. So mussten wir uns beispielsweise im Januar von meiner geliebten Anne verabschieden, die zurück zu ihrem Papa wollte, um dort auf die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfung zu warten und den nächsthöheren Abschluss dann in Chillaw zu machen. Oder Emesha, die sich für ihren Abschluss keine großen Chancen ausrechnete und auch nicht an einer Ausbildung in unserem Trainingscenter interessiert war. Lieber wollte sie zu ihrer Großmutter, um dieser mit einem Aushilfsjob unter die Arme zu greifen. Auch von einigen anderen Mädchen mussten wir uns noch verabschieden und dann vor 3 Wochen noch ein weiterer Schock: Unsere Dinesha ist sich auf einmal gar nicht mehr so sicher, ob sie ihren höheren Schulabschluss noch machen möchte. Sie möchte nach Hause, um sich dort auf die Prüfungen im August vorzubereiten und wir wissen nicht recht, was wir davon halten sollen. Schließlich lassen wir sie gehen, unsere Hoffnungsträgerin, unsere „Große“, auf deren Entwicklung wir in den letzten Jahren immer so stolz waren. Wir können sie nicht halten, immerhin ist sie 20 Jahre alt und eine eigenständige, erwachsene Frau, die für sich selbst entscheiden muss. Aber kann sie das überhaupt???

Abschiedsbild mit unserem ersten Mädchen Anne und ihrem PapaDie letzten Wochen und Monate waren nicht leicht für uns. Frank versucht immer, sich das nicht so sehr anmerken zu lassen, aber wenn er sich schließlich die Fotoalben anschaut, die ich den Mädels als Andenken gemacht habe oder meine Abschiedsbriefe an sie liest, dann sehe ich, wie es auch ihm ein paar Tränchen in die Augen drückt. Auch er hat in all den Jahren eine Beziehung zu ihnen aufgebaut, Hoffnungen und Träume für sie gehabt, die teilweise wie Seifenblasen zerplatzt sind. In dieser Hinsicht ist unser Job manchmal sehr hart und man empfindet sehr viel Ungerechtigkeit, Machtlosigkeit und Enttäuschung. Oft bin ich froh, dass wir uns gegenseitig haben, dass wir diese Sache gemeinsam machen. Einer alleine hätte vielleicht schon längst aufgegeben, aber so spendet meist Einer dem Anderen Mut, wenn mal wieder ein Scheißtag hinter uns liegt, den man am liebsten einfach nur noch vergessen möchte. In dieser Hinsicht sind wir ein tolles Team. Nicht einfach nur ein Paar, Arbeitskollegen oder gleichberechtigte Parnter – nein, es ist mehr als das. Es ist eine Art Seelenverwandtschaft, ein Gefühl, dass es nur einen einzigen Menschen auf der Welt gibt, der deine Probleme nicht nur versteht, sondern sie selbst mit dir durchlebt, sie in ihrer ganzen Wucht etwas mildert, ganz nach dem Motto: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Ich bin dankbar für diese Zweisamkeit und möchte sie keinesfalls missen, auch wenn wir uns gegenseitig zwischenzeitlich auf den Mond schießen könnten.

Gemeinsam gegen den StromGeteiltes Leid ist halbes LeidUnd so neigt sich wieder einmal ein ruhiger Sonntagnachmittag dem Ende entgegen und wenn ich auf den heutigen Tag zurückblicke, kann ich zumindest sagen, dass ich es geschafft habe, nach langer Zeit wieder einmal einen Tagebucheintrag zu schreiben und euch ein wenig an meiner Gefühlswelt teilhaben zu lassen. Und während ich hier die letzten Zeile tippe, wird die Stille schließlich doch durchbrochen von der unerbittlichen, schrillen Glocke, die unsere Teezeit einläutet. Müde, viereckige Kinderaugen kommen die Treppe herunter geschlurft und sobald jeder seinen Tee getrunken hat, geht der Kinderalltag seinen gewohnten Gang. Viele flinke Besen fegen das Laub des Tages zusammen, während ich eine letzte Mail schreibe und schließlich meinen Computer ausschalte. Bei einer abendlichen Partie Volleyball vergessen wir gemeinsam mit den Mädels die Ärgernisse der vergangenen Woche und tanken mit viel Gelächter Energie für den morgigen Tag und die Herausforderungen, die uns die neue Woche bereithält.

In diesem Sinne; euch allen einen schönen Sonntag und nachdenkliche Grüße aus Marawila!

Eure Julia

Hauptkategorie: Tagebuch Julia Fischer
in Tagebuch Julia 2016
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