Stille Wasser sind tief oder heißen Sewandi

S. A. Pabasara SewandiSewandi… Das steht für:

Sorgenvoller Ausdruck in ihren Augen.

Erfahrungen, die man niemandem wünscht.

Wechselhafter Charakter, den man schlecht einordnen kann.

Achtzehn Jahre alt und doch noch ein Kind.

Neugierde auf die Zukunft und das Leben.

Distanz zu Fremden, denen sie nicht vertraut.

Individuelle Kreativität beim Tanzen, Malen und Schreiben.

Eines von Sewandis KunstwerkenErschöpft kommt sie aus der Schule zurück, wo sie ihrer Lehrerin beim Sortieren irgendwelcher Unterlagen geholfen hat. Und das, obwohl sie doch eigentlich längst fertig ist mit der Schule. Über 3 Monate liegen die Abschlussprüfungen nun schon zurück und noch immer kein Ergebnis. Doch wenn sie genauer darüber nachdenkt, macht sie sich ohnehin keine Hoffnungen, die Prüfungen bestanden zu haben.

Nachdem sie ihre Schuhe ausgezogen und auf ihrem Weg zur Küche am Büro des Kinderheims vorbeikommt, streckt ihr „Sudu Thatha“ (weißer Vater) den Kopf zur Tür heraus und sagt, sie solle sofort hereinkommen, er müsse sie dringend sprechen. Verdammt, was hatte sie jetzt wieder ausgefressen? Hat er etwa herausbekommen, dass sie ihren Putzdienst gestern auf Nawanjena abgewälzt hat? Oder hat eins der anderen Mädels gepetzt, dass sie schon seit Wochen in der Tempelschule mit diesem süßen Typen quatscht? Was immer es auch ist, sie wird es gleich erfahren und Thathas Gesicht sah nicht besonders freundlich aus.

Vorsichtig öffnet sie die Tür zum klimatisierten Büro, wobei ihr ein Schwall kalter Luft ins Gesicht schlägt. Wie kann man bei diesen Temperaturen bloß arbeiten?

Hinter dem großen Glasschreibtisch schaut Thatha schlecht gelaunt über seinen Computerbildschirm hinweg und sagt ihr sie solle kurz warten. Neben ihm liegt ein geöffneter Brief und ihre Nervosität wächst. Ob dies wohl das Anmeldeformular für ihre Ausbildung als Näherin in Colombo ist? Oder doch ein Brief vom Mönch, der sich über ihr schlechtes Benehmen im Tempel beschwert?

Thatha sieht sie mit ernstem Gesicht an, nimmt den Briefumschlag von seinem Platz und wedelt damit vor ihr herum. „Guten Morgen, Sewandi. Weißt du, was ich hier habe?“ Verlegen schüttelt sie den Kopf. Jetzt bloß nichts Falsches sagen! „Nein? Du hast keine Ahnung? Dann würde ich vorschlagen, du schaust mal nach. Da steht nämlich dein Name drauf.“ Nicht ohne zu zögern nimmt sie Thatha den Umschlag aus der Hand und zieht mit zitternden Händen das Schreiben daraus hervor. Als sie den Bogen auseinanderfaltet und ihr Blick auf den Briefkopf fällt, wird ihr schlagartig klar, was sie da in den Händen hält. Die Ergebnisse ihrer O-Level-Klausuren sind da! Und nach Thathas Gesicht zu urteilen, hat sie die Prüfungen wohl voll verhauen.

Sewandis Freude ist unbeschreiblichAber Moment mal… Was ist das denn? Mathematik bestanden? Zusatzpunkte in Singhalesisch, Religion und Geschichte? Kann das wahr sein? Zögerlich schweift ihr Blick nach unten. Da steht „Gesamtwertung: bestanden“. Das ist doch… Das kann doch nicht… Als sie erneut in Thathas Gesicht blickt und sein schelmisches Grinsen sieht, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie hat tatsächlich ihren Abschluss geschafft! Tränen schießen in ihre Augen und sie sackt auf dem Fußboden in sich zusammen. Die Freude und das Glück übermannen sie und sie vermag nichts dagegen zu tun. Es fühlt sich an, als ob ihr jemand einen tonnenschweren Rucksack von den Schultern hebt, den sie die letzten Monate mit sich herum tragen musste. Auch ihre Tränen kann sie nicht zurückhalten. Dankbar verneigt sich sie vor ihrem Thatha, der ihr sagt, wie unglaublich stolz er auf sie ist. Er nimmt sie sogar kurz in dem Arm, obwohl er damit eigentlich immer so zögerlich ist. Ein Zeichen, dass auch er sich riesig über diesen Erfolg freut.

Als sie aus dem Büro tritt, stehen alle Betreuerinnen, Putzfrauen, die Köchin und alle anderen Angestellten vor der Tür und empfangen sie mit tosendem Applaus. Erneut steigen ihr Freudentränen in die Augen und sie lässt sich erleichtert in Maheshis Arme sinken.

 Sewandi mit Frank und Julia auf ihrer O-Level-PartySie hat es geschafft. Sie hat es wirklich geschafft, auch wenn sie es selbst nicht für möglich gehalten hätte. Die kurzen Nächte und das viele Lernen in der Zeit vor den Examen haben sich also gelohnt. Wie geht es nun weiter? Was soll sie tun? Sie könnte ja vielleicht weiter zur Schule gehen und in zwei Jahren ihr A-Level absolvieren. Kann sie das? Schafft sie das?

Egal, darüber möchte sie sich jetzt gar keine Gedanken machen. Viel mehr freut sie sich auf die Party, die Thatha und Julia ihr versprochen haben und die heute Abend stattfinden soll. Eine Party für sie ganz alleine! Was für ein Tag! Sie kann sich nicht erinnern, ob sie vorher schon einmal so glücklich in ihrem Leben war wie heute…

Sewandi… Das steht auch für:

Stolz

Ehrgeiz

Willenskraft

Absprung

Neuanfang

Dankbarkeit

Intuition

 

Hauptkategorie: Tagebuch Julia Fischer
in Tagebuch Julia 2013
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