Tagebuch Julia. Neuzugang berührt die Herzen... 23.02.2010

 Vorweg muss ich erst einmal erwähnen, dass mich die Umstellung der Homepage ein wenig zum Nachdenken angeregt hat. Um Frank ein wenig zu unterstützen, habe ich teilweise an meinen alten Berichten der letzten 3 Jahre gearbeitet (Smileys neu eingefügt etc.) und dabei ist mir erst einmal richtig bewusst geworden, wie wenig ich doch im vergangenen Jahr geschrieben habe. Natürlich liegt das größtenteils mit daran, dass wir jetzt kontinuierlich Praktikantinnen hier haben, die über die Geschehnisse im Angels Home berichten, aber ich muss zugeben, dass ich mich 2009 tatsächlich ganz schön rar gemacht habe, was die Tagebucheinträge betrifft. Deshalb möchte ich das in diesem Jahr ändern und wenigstens jeden Monat einen Bericht schreiben. Für den Januar ist es leider schon zu spät, aber ab jetzt werde ich mir wirklich Mühe geben.

Nun aber zum eigentlichen Thema. Wie die meisten von euch ja sicherlich schon im letzten Newsletter gelesen haben, mussten wir uns zum Jahreswechsel wieder von zwei unserer Mädchen verabschieden. Dishna und Nisansala wurden auf eigenen Wunsch und auf Entscheidung vom örtlichen Jugendamt zurück zu Verwandten entlassen. Natürlich war das wieder sehr schwer für uns und auch bei den Kindern haben die beiden 2 große Lücken und einige Tränen hinterlassen. Trotzdem muss das Leben im Angels Home weitergehen und dazu gehört eben auch, dass die frei gewordenen Plätze wieder besetzt werden.

Aus diesem Grund haben wir seit Montag wieder einen Neuzugang bei uns, bei dem wir nicht lange überlegen mussten, ob eine Aufnahme in unserem Heim angemessen ist. Die kleine Kumari wurde von einem Mann begleitet, der sich uns als Nachbar von Nadishas Mutter vorstellte und der damals auch schon dafür gesorgt hatte, dass Nadisha aus den katastrophalen Verhältnissen ihres Elternhauses herausgeholt und bei uns untergebracht wurde. Nun berichtete er uns, dass Nadishas Schwester mittlerweile das gleiche Schicksal durchlebt wie sie selbst vor ihrer Aufnahme im Angels Home und dass er uns dringend darum bittet, jetzt auch Kumari bei uns unterzubringen.

Als wir die derzeitige Situation in Nadishas Elternhaus hinterfragten, berichtete uns der Nachbar, dass die Mutter viel trinkt und jeden Tag wechselnden Männerbesuch in dem kleinen Haus hat, welches sie mit Kumari bewohnt. Es kommt oft zu Handgreiflichkeiten und solange die Mutter Männer im Haus hat, wird die Kleine hinausgeschickt. Der Nachbar vermutet jedoch auch, dass Kumari nachts oft mit ansehen muss, was im Haus passiert. In der letzten Zeit habe sie mehr Zeit bei ihm und seiner Familie verbracht als bei ihrer Mutter und sie wären auch die einzigen Nachbarn, die sich um das Kind kümmern und es nicht mit Schlägen davonjagen, weil es überall verzweifelt nach Aufmerksamkeit sucht und somit in der Nachbarschaft auch einige Streiche spielt. Die Mutter von Kumari scheint sich – ähnlich wie früher bei Nadisha – überhaupt nicht dafür zu interessieren, wo die Kleine ist, geschweige denn, ob sie nachts nach Hause kommt oder nicht. Aus diesem Grund hat sich der Nachbar entschieden, sich um eine Unterbringung in unserem Heim zu bemühen und auch ein entsprechendes Dringlichkeitsanschreiben vom Amt besorgt.

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 Seit Montag ist Kumari nun bei uns und hat sofort alle für sich eingenommen. Zunächst einmal mussten wir sie gründlich waschen und sie hat sich tatsächlich am Montag das erste Mal in ihrem Leben die Zähne geputzt. Sie fand das Gefühl im Mund jedoch so super, dass sie mich am Nachmittag gleich um eine eigene Zahnbürste gebeten hat, weil sie sich noch einmal die Zähne putzen wollte. Grinsen

Kumari ist momentan 9 Jahre alt und verhältnismäßig zu ihrem Alter ist ihre sprachliche Entwicklung auf dem Stand eines Kleinkindes. Sie spricht nur kurze, abgehackte Wörter und kann sich nicht in Sätzen verständigen. Dies führte dazu, dass sie momentan noch nicht in der Schule aufgenommen werden kann, sondern erst einmal ein paar Monate im Heim bleibt, bis sich ihre Sprache verbessert hat. Wenn wir die Kleine nach ihrem Namen fragen, antwortet sie mit „Banti“. Dies ist in Sri Lanka ein geläufiger Hundename und er wird keinesfalls für Menschen verwendet. In den ersten 3 Tagen hatte Kumari permanent Hunger und hat mehrmals am Tag außer der Reihe gegessen. Sie muss lernen, ihren Müll nicht überall hinzuschmeißen und dass man Aufmerksamkeit und Körperkontakt auch ohne Streit und Schläge bekommen kann. Kurzum wartet mit Kumari eine riesige Herausforderung auf uns und insbesondere auf unser Personal und die Kinder. Erste Schwierigkeiten im Umgang mit ihr zeichnen sich schon ab, aber Frank und ich sind überzeugt davon, dass wir auch dieses Kind bei unseren Mädels eingliedern können. In diesem Fall weiß man genau, dass es sich wirklich lohnt und dass die Kleine bei uns erst richtig zu leben beginnt.

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 Trotz der tragischen Vorgeschichte von Kumari, die man natürlich noch ständig im Hinterkopf hat, wenn man sich mit ihr beschäftigt, mischt sie das Angels Home so richtig auf und bringt nicht selten das komplette Personal zum Lachen. So kam es beispielsweise, dass sie total überfordert war, als ich am Mittwoch gemeinsam mit ihr, Mali und unserer Matron nach Wennappuwa gefahren bin, um einige Einkäufe zu erledigen. Normalerweise hätten wir ihr diesen Stress ja nicht gleich in den ersten Tagen angetan, aber Kumari benötigte unbedingt Schuhe und einige Kleidungsstücke. In den Einkaufsläden hat sie sich so verhalten, als ob sie so etwas noch nie gesehen hätte. Hat sie wahrscheinlich auch nicht, denn immer, wenn sie meinte, dass sie etwas gefunden hat, was ihr gefällt, musste sie feststellen, dass das daneben noch viel schöner ist. Es war wirklich witzig und erschreckend zugleich. Auf dem Rückweg mussten wir noch kurz an der Bank anhalten und als Kumari dort einen Mann mit einem riesigen Batzen Geldscheinen in der Hand gesehen hat, schrie sie laut durch den Raum „Amme, balannde, kodak salli!“, was soviel bedeuten sollte wie „Mama, guck mal, soviel Geld!“. Alle Menschen in der Bank schauten uns an und Kumari ist aus dem Staunen gar nicht mehr rausgekommen. Man erlebt in den letzten Tagen ständig Sachen mit der Kleinen, wo man nicht recht weiß, ob es einem das Herz zerreißt oder ob man es einfach locker nehmen und darüber lachen soll. Sie hat es auch schon fertig gebracht und uns beim Essen die Ananas vom Teller genommen, sich in die Hundehütte eingesperrt oder mitten im Spiel mit anderen Mädchen ihren Rock hochgerafft und in den Garten gepinkelt. Es bleibt aber ganz egal, was sie macht oder wie sie die anderen Kinder manchmal auf die Palme bringt: Sie ist einfach ein ganz aufgewecktes und unschuldiges Mädchen, das sich über jede Art von Zuneigung freut und es genießt, Wärme und gleichzeitig Grenzen kennenzulernen. Es gibt uns allen großen Antrieb, die Kleine zu integrieren und ihr eine neue, bessere Kindheit zu bieten. Bei uns soll sie nun lernen, dass ihr Name Kumari ist und sie hier nicht wie ein Hund behandelt wird. Bestimmt wird auch sie bald einer unserer Engel im Angels Home for Children.

 

 

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