Tagebuch Julia. Einfach nicht mein Tag. 12.10.2008

  Am Mittwoch waren Frank und ich vom deutschen Botschafter in Colombo zu einer Feier anlässlich des Tages der deutschen Einheit eingeladen. Die Veranstaltung sollte gegen 12.30 Uhr beginnen und wir sind um 10 Uhr in Marawila gestartet. Keiner von uns beiden wusste so recht, was uns dort erwarten würde bzw. um was für eine Art Zusammenkunft es sich handelt. Also haben wir uns einigermaßen schick angezogen, um für alles gewappnet zu sein. Die Feier fand im Cinnamon Grand Hotel in Colombo statt und wir waren mehr als pünktlich. Nachdem wir uns an der Rezeption erkundigt hatten, in welchen Raum wir uns begeben müssen, sind wir auch zielgerichtet darauf zu gesteuert. Kurz vor der Tür angekommen, überkam uns jedoch plötzlich das Gefühl, dass diese Veranstaltung wohl eine von den gehobeneren ist und wir bekamen Zweifel, ob wir überhaupt passend gekleidet sind. Frank, der mit seiner schwarzen Hose und einem Hemd nicht viel verkehrt machen konnte, ist also erstmal hineingegangen, um "die Lage zu checken". Als er wieder zurück kam, sah ich schon an seinem Gesicht, dass ich nun schlechte Nachrichten bekomme. Er sagte mir, dass ich mit meiner Jeanshose da auf gar keinen Fall rein gehen könnte. Alle Frauen seien in langen Abendkleidern erschienen und auch die Männer trugen fast alle Schlips und Jacket, so dass Frank sich mit seinem einfachen Hemd schon blöd vorkam. Wir haben dann also beschlossen, dass ich mit Rukmal draußen im Wagen warte, während Frank wenigstens für 1-2 Stunden seine Anwesenheit präsentierte. Ich hätte zwar noch die Möglichkeit gehabt, mir in den hoteleigenen Geschäften etwas anderes zum Anziehen zu kaufen, aber in Anbetracht der dortigen Preisklasse habe ich das mal schön sein gelassen. Ich habe mir also mit Rukmal im Van die Zeit vertrieben, indem wir in seinen neu installierten Fernseher gestarrt und singhalesische Soaps geschaut haben. Schnell haben sich auch die übrigen auf dem Parkplatz wartenden Fahrer uns angeschlossen, denn so ein Auto-TV ist in Sri Lanka schon eine kleine Attraktion. Frank hat uns auch gar nicht lange warten lassen und kam schon nach ca. einer Stunde wieder raus. Nach seinen Erzählungen habe ich schnell gemerkt, dass die Veranstaltung sowieso nichts für mich gewesen wäre. Ich sag nur: ziemlich viel High-Society und Schicki-Micki. Aber vom Essen hätte mir Frank lieber nicht erzählen sollen. Nach über einem Jahr Sri Lanka will man einfach nicht hören, dass einem gerade Sauerkraut und Lachs-Häppchen entgangen sind... Schreien

Nun ja... Es gab noch einen weiteren Höhepunkt an diesem Tag. Unsere Heimleiterin Jasintha hatte Geburtstag. Da ich am Tag zuvor gar nicht daran gedacht hatte, dass wir nach Colombo fahren, habe ich die Kids gebeten, ein kleines Programm vorzubereiten und versichert, dass Frank und ich den Kuchen besorgen würden. Zwar habe ich am Vormittag nochmal darüber nachgedacht, bin dann aber davon ausgegangen, dass die Mädels schon mitkriegen werden, dass wir in Colombo sind (hatten ja dem Personal bescheid gesagt) und dass sie sich somit auch denken können, dass wir nicht zur Geburtstagsfeier kommen. Als wir wieder in Marawila waren, war es noch nicht so spät (ca. 17 Uhr) und somit haben Frank und ich beschlossen, doch noch kurz im Heim vorbei zu schauen, um unserer Metren wenigstens zu gratulieren. Dort angekommen, standen schon alle Kinder und das Personal in ihren schönsten Kleidern und schauten uns erwartungsvoll entgegen. In diesem Moment wusste ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Schon seit einer Stunde wartete man auf uns und - wie sollte es anders sein - natürlich auch auf den versprochenen Geburtstagskuchen. Also habe ich mich mit Rukmal nochmal schnell auf den Weg gemacht, um einen Kuchen zu organisieren. Mit einem solchen Anliegen hat man jedoch um halb sechs in Marawila einfach schlechte Karten. Wir sind von Shop zu Shop gefahren und letztendlich ließ sich doch nichts anderes auftreiben als ein vertrockneter Butterkuchen... Fuß im Mund Mit dieser schwachen Ausbeute sind wir also zurück ins Heim gefahren und man konnte an den Gesichtern der Mädels sehen, dass sie sehr enttäuscht waren, auch wenn sie das natürlich niemals gesagt hätten. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen, dass ich eine Zeit lang echt mit den Tränen kämpfen musste. Die Kids haben das auch gemerkt und Mali hat schon zwischendurch zu mir gesagt: "Don't cry, Julia!" Das war wirklich Mist. 

Trotzdem hatten die Mädels ein super Programm vorbereitet. Einige der Mädchen haben eine kleine Rede gehalten, in der sie beschrieben haben, wie sehr sie die Metren lieben und dass sie auch nach ihrem Aufenthalt im Angels Home immer ihre "Amma" (singhalesich: Mama) bleiben wird. Das war schon sehr ergreifend und auch Jasintha musste zwischenzeitlich mit den Tränen kämpfen. Nach dem Programm hat sie sich bei den Kindern für die lieben Worte und die kleinen Show-Einlagen bedankt. Zu Frank und mir hat sie gesagt, dass sie sehr froh ist, diesen Job bekommen zu haben. Sie hat ja damals bei uns angefangen kurz nachdem ihr Mann gestorben ist. Sie sagte, sie hat durch die Arbeit mit den Kindern wieder Spaß am Leben bekommen und dass sie diesen Job sehr gerne noch einige Jahre machen würde. Darüber haben wir uns natürlich sehr gefreut.

Tja, alles in allem war's wohl irgendwie nicht mein Tag. Hab meinen Patzer im Heim aber gleich am nächsten Tag wieder gut gemacht, indem ich einen kleinen Kuchen ganz allein für die Metren besorgt habe und für die Kids Vanille- und Erdbeereis. Ich glaube, danach war die Stimmung wieder gut und man hat mir verziehen... Lachen

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