Tagebuch Julia. Ein nachdenkliches Wochenende. Teil 2. 24.06.2008

 So, weiter geht es mit unserer Diebstahl-Geschichte...

Am Samstag-Morgen bin ich mit Steffi schon gegen 8 Uhr im Heim gewesen. Natürlich wollten wir mal schauen, wie das Personal so mit den Mädels umgeht, wenn wir nicht da sind. Aber - alle Achtung - man hat sich an unsere Anweisung gehalten: Die Mädchen erledigten alle irgendwelche Pflichten und dabei durfte natürlich wieder nicht gesprochen werden. Die Tanzlehrerin hatten wir abbestellt, da wir den Kindern klar machen wollten, dass wir es ernst meinen.

Als die Mädchen so nach und nach mit ihren Aufgaben fertig wurden, ließen wir sie wieder auf ihren Stühlen im Garten Platz nehmen. Als wir das ausgesprochen hatten, haben sie nicht schlecht geschaut. Wahrscheinlich hatten sie nicht erwartet, dass wir das Ganze noch einen Tag lang durchziehen würden. Aber: gesagt - getan... und so saßen sie da wieder eine Stunde und langweilten sich. Vorher hatte ich ihnen nochmals erklärt, dass sie doch bitte genau überlegen sollen, ob sie nicht doch eine Ahnung haben, wer das Geld genommen hat und falls ja, dass sie es später Frank sagen sollen, wenn er ins Heim kommt. Die kleinen Kinder (Asadi, Hasini, Dishna, Anne, Hiruni, Shakina, Emesha und Nadisha) ließen wir nach einer Weile jedoch an den Tisch setzen, um Hausaufgaben zu machen. Sie wurden einfach zu unruhig auf ihren Stühlen und außerdem konnte man bei ihnen mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen, dass sie irgendetwas wissen.

Als Frank später ins Heim kam, erfolgte eine erneute Einzelbefragung, leider wieder ohne Ergebnis. Ich war zwar selbst nicht dabei (da ich am Samstag-Nachmittag zu Hause war und am PC gearbeitet habe), aber man konnte den Mädels wohl langsam schon anmerken, dass sie genervt waren vom ständigen Rumsitzen. Daraufhin startete Frank einen anderen Versuch: Er verteilte an alle Kinder einen Zettel und darauf sollten sie anonym schreiben, wen sie verdächtigen, das Geld geklaut zu haben. Das Ergebnis war erstaunlich: Auf allen Zetteln stand ein und derselbe Name (und zwar exakt der von dem Mädchen, welches auch die Metren verdächtigte), abgesehen von einem einzelnen. Darauf stand: "I don't know." Frank teilte den Kindern das Ergebnis jedoch nicht mit, sondern ließ sie wieder auf ihren Stühlen Platz nehmen und machte nochmals die Runde.

Normalerweise gehen die katholischen Mädchen am Samstag-Nachmittag ja in die Kirche und die Buddhisten haben frei und können spielen. Nicht jedoch an diesem Samstag: Alle Mädels blieben im Heim und anstelle von Freizeit wurden Aufgaben verteilt. Jeweils 5 Kinder bildeten eine Gruppe und mussten eine Arbeit verrichten, die schon lange anstand und nicht gerade angenehm war. So wurde an diesem Nachmittag endlich mal die Küche richtig saubergemacht, ein bestimmter Teil des Gartens in Ordnung gebracht, im Haus alle Schränke aufgeräumt und mit Hilfe von Frank der große Fischteich saubergemacht. Tja... Spaß hatten die Mädels dabei zwar nicht wirklich, aber das sollten sie ja auch nicht. Nachdem alle Arbeiten verrichtet waren, durfte man es sich wieder auf den Stühlen im Garten bequem machen und Frank startete eine letzte Befragung. Leider kam auch dabei wieder nichts heraus, auch wenn sich unser Verdacht (anhand der Körpersprache der Mädchen) mehr und mehr bestätigte. Das Ganze schien sich zu einer harten Geduldsprobe für beide Seiten zu entwickeln.

Bevor Frank das Heim verließ, rief er noch einmal alle Mädchen zusammen und sagte ihnen, dass er sehr enttäuscht und wütend über diese Sache ist. Außerdem kündigte er an, dass am Sonntag auch die buddhistischen Kinder nicht in den Tempel gehen werden und dass der gewöhnliche Cricket-Nachmittag diesmal anders ablaufen wird. Dabei schauten einige Mädels zwar sehr traurig, aber wir durften nun natürlich auch nicht aufgeben.

Am Samstag-Abend habe ich mich mit Frank noch einmal über das weitere Vorgehen beratschlagt. Dabei hatten wir entschieden, die Mädels nur noch am Sonntag-Vormittag zappeln zu lassen. Wenn danach immer noch nichts rausgekommen ist, wollten wir es gut sein lassen. Schließlich kann man trotz Verdacht nie ganz ausschließen, dass doch alle Kinder unschuldig sind.

Bevor wir am Sonntag ins Heim gefahren sind, fühlten wir uns schon "besiegt" und waren sehr enttäuscht, dass die Angelegenheit nicht nach unseren Vorstellungen aufgeklärt werden konnte. Doch plötzlich klingelte das Telefon. Unsere Metren war am anderen Ende der Leitung und teilte uns ganz aufgeregt mit, dass die 2.000 Rupies wieder aufgetaucht sind. Sie hätte sie am Morgen zusammengerollt in ihrem Brillenetui gefunden... Grinsen

Wir sind wirklich froh, dass die Geschichte noch einen positvien Ausgang gefunden hat, so kurz bevor wir resignieren wollten. Zwar wissen wir immer noch nicht, wer das Geld gestohlen hat und vermutlich werden wir es auch nie erfahren, aber diejenige welche hat am Ende wahrscheinlich doch ein schlechtes Gewissen bekommen. Wer weiß, ob das eingetreten wäre, wenn wir nicht so hart gewesen wären.

Dennoch sind wir natürlich noch immer sehr enttäuscht, dass so etwas überhaupt in unserem Angels Home passiert ist und hoffen, mit unseren Maßnahmen genügend Respekt und Scheu verbreitet zu haben, dass dies nicht noch einmal geschieht.

 

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in Tagebuch Julia 2008
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