Tagebuch Julia. Schul- und Religionsprobleme. 08.02.2008

  Schon seit einiger Zeit haben wir hin und wieder Probleme mit der nahe gelegenen Schule, die unsere Mädchen besuchen. Natürlich ist uns klar, dass wir uns hier in einem Entwicklungsland befinden und das Schulsystem noch lange nicht so fortschrittlich ist wie in Deutschland. Trotzdem habe ich manchmal den Eindruck, dass unsere Kids wohl nicht eine der besten Schulen besuchen. Es ist einfach unglaublich, wie man dort versucht, den Kindern etwas beizubringen. Ich war ja nun schon des öfteren in der Schule, um auch unseren Besuchern und Praktikantinnen einen Eindruck von dieser Einrichtung zu vermitteln. Die einheitliche Meinung nach solchen Besuchen war immer: "Oh mein Gott..."

Der Unterricht verläuft für die Schüler leider eher passiv als aktiv und man kann häufig beobachten, dass sie in den Stunden nichts anderes zu tun haben, als den vom Lehrer an die Tafel geschriebenen Stoff abzuschreiben. Dabei werden so gut wie nie Fragen gestellt und den Lehrern scheint auch ziemlich gleichgültig zu sein, ob die Kinder dabei etwas lernen oder nicht. Bei meinem letzten Besuch mit Hana konnten wir in Malis Klasse erleben, dass die Lehrerin nichts an die Tafel geschrieben hat, weil keine Kreide im Raum war, anstatt mal schnell welche holen zu gehen. Somit mussten die Schüler einen diktierten Text niederschreiben, der erstens viel zu schnell vorgetragen wurde und zweitens wussten sie wahrscheinlich bei jedem 2. Wort nicht, wie es geschrieben wird. Allgemein wird meiner Meinung nach auch viel zu wenig kontrolliert, ob die Mitschriften und Hausaufgaben der Kinder auch richtig sind. Vermutlich liegt das daran, dass die Lehrer (insbesondere beim Englisch) oftmals selbst keinen blassen Schimmer haben. Schon oft habe ich in englischen Texten oder Anmerkungen vom Lehrer Fehler gefunden.

Das gravierendste Problem ist nach meiner Ansicht die in Sri Lanka zwar verbotene, aber dennoch häufig angewandte Prügelstrafe. Das bedeutet nicht, dass die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes verprügelt werden, aber ein peitschender Hieb mit einem dünnen Stock auf die Finger ist hier durchaus an der Tagesordnung, wenn die Schüler ihre Hausaufgaben vergessen haben oder eine Frage des Lehrers nicht beantworten können. Unglaublich, dass die Lehrer nicht einmal dann vor solchen Erziehungsmethoden zurückschrecken, wenn sich Besucher in der Schule befinden. Vor kurzem kam eines unserer älteren Mädchen vorzeitig aus der Schule nach Hause, weil es ihr angeblich nicht gut ging. Erst nach mehrmaligem Nachfragen haben wir erfahren, dass ihr Lehrer den Stock diesmal wohl nicht nur für die Finger, sondern auch für Kopf und Schultern verwendet hat. Daraufhin ist Frank sofort zur Schule gefahren und hat den Lehrern sowie dem Direktor die Meinung gesagt. 

Ein weiteres Problem mit der Schule liegt darin, dass unsere Mädchen in der letzten Zeit unglaublich viel Schulmaterial benötigen. Ständig kommen sie und wollen mal hier ein Heft und mal da einen Bleistift, obwohl ich am Anfang des Jahres mit allen Mädchen die Schulranzen komplett gemacht habe. Das krasseste Beispiel war, als Mali von einer Buchseite insgesamt 20 Kopien mit in die Schule bringen sollte. Deshalb haben wir manchmal so den Eindruck, dass die Lehrer ganz genau wissen wie gut unser Schrank mit den Schulmaterialien bestückt ist und das zum Vorteil von anderen Schülern ausnutzen, deren Eltern eben nicht das nötige Geld haben, um alle Sachen zu besorgen. Wir haben nun schon vom Direktor eine Liste angefordert, auf der er uns genau aufschlüsseln soll, welche Klassenstufen welche Materialien benötigen. Es hat auch nicht lange gedauert, da bekamen wir diese Liste, nur leider auf singhalesisch. Auf die angeforderte englische Versionen warten wir noch.

Nun noch zu einer anderen Sache: Seit einigen Tagen quält uns ein gravierendes Religionsproblem mit unserer Jeeva. Sie ist tamilischer Herkunft und laut Geburtsurkunde hinduistischen Glaubens. Leider wusste das bisher von uns niemand so genau und deshalb besucht Jeeva seit ihrer Ankunft gemeinsam mit den anderen katholischen Mädchen jeden Samstag den Religionsunterricht in der Kirche. Erst vor kurzem hat sich diese Sache während eines Telefongesprächs mit Jeevas Großmutter herausgestellt, welche ihr den weiteren Kirchenbesuch untersagt hat. Da Jeeva jedoch vor ihrem Leben im Angels Home auch nicht wirklich hinduistisch erzogen wurde (also mit Tempelbesuchen, Gebeten etc.), hat sie im Prinzip gar keinen Bezug zu diesem Glauben und fühlt sich nun eher dem katholischem Christentum zugehörig. Erst vor kurzem habe ich sie hinter dem Haus gesehen, wo sie sich in einer Ecke versteckt und dort in der Bibel gelesen hat. Nun haben wir beim zuständigen Amt für Kinderfürsorge nachgefragt, wie wir mit diesem Problem umgehen sollen. Dort sagte man uns, dass Jeeva auf keinen Fall den Glauben wechseln kann, weil dies in Sri Lanka nun mal nicht üblich sei. Zum Glück konnten wir uns mit der guten Frau jedoch darauf einigen, dass Jeeva weiterhin den Religionsunterricht in der Kirche besuchen kann. Somit bleibt sie auf dem Papier zwar Hinduistin, kann aber ihrem eigenen religiösen Interesse nachgehen. 

Zum Abschluss noch ein paar Fotos von Sadunis Geburtstag, den wir heute im Heim gefeiert haben. Sie ist 15 Jahre alt geworden und hat von ihren Pateneltern Horst Peter und Gudrun Engel einen wunderschönen Hosenanzug mit Schal bekommen, den sie sich selbst aussuchen durfte. An dieser Stelle noch einmal ganz lieben Dank nach Celle! 

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