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Bist du nicht glücklich?

Jana NeumannBevor ich ins Angels Home nach Sri Lanka kam, hatte ich ein wirklich schönes und erfolgreiches Leben. Einen tollen Job in der Schweiz mit den Besten Zukunftschancen, eine schicke Wohnung in Zürich, eine sehr glückliche Beziehung und genügend Geld für Urlaube, regelmäßig Zalando Lieferungen und fancy Drinks.

Das Unverständnis einiger Menschen darüber, vieles davon aufzugeben und sich eine Auszeit zu nehmen, sich etwas ganz anderem zu widmen und den sicheren Hafen zu verlassen, kann ich deshalb sehr gut nachvollziehen. „Warum?“ – wurde ich oft gefragt. „Du hast doch Alles.“ Oder „Bist du nicht glücklich?“.

Es ist nicht so, dass meine Entscheidung spontan oder ein reiner Impuls war. Wer mich kennt, weiß dass ich mir die Dinge in meinem Leben gut überlege und für fast alles einen Plan habe.

Bild1: „Hast du nicht alles, was du wolltest?“Für mich hängt Glück nicht an einem Job, einer Beziehung, einer Stadt oder an viel Geld. Natürlich macht Geld einiges einfacher, dass wird einem nirgendwo anders so bewusst wie hier in Sri Lanka. Doch wird es allein ausreichen um glücklich zu sein?

Glück ist für mich Veränderung. Der ständige Wechsel, Neues entdecken, aus der Komfortzone herauszukommen und dem regelmäßigen und alltäglichen zu entfliehen. Kennt ihr das Gefühl sich etwas komplett Neues getraut zu haben, eine neue Aufgabe angegangen zu sein und etwas geschafft zu haben, was man sich vorher nie getraut oder immer aufgeschoben hat?

Das macht das Leben für mich aus. Bewusst die eigenen Grenzen zu überschreiten. Sich immer neue Ziele setzten.

Sicherlich ist das nicht jedermanns Sache, doch ein großer Luxus, den wir uns in der westlichen Welt leisten können. Die Vielfalt der Möglichkeiten, die Chance seine Träume zu erfüllen. An vielen Orten dieser Welt leider undenkbar.

Richtig bewusst geworden ist mir das erst hier. Die Menschen in Sri Lanka oder die Mädchen im Angels Home: Wenige werden die Möglichkeit haben auch nur annähernd das zu erleben, was ich erleben darf. Sie leben in Ihrer eigenen kleinen Welt, die über den kleinen Fischerort nicht viel hinausgeht. Kaum Chancen auf ein anderes Leben, kaum Chancen auf ein Abenteuer. Und all das trotz der Bemühungen des Dry Land Projektes ihnen wenigsten ein Stück „übrige Welt“, bessere Bildung oder sogar eine Ausbildung zu ermöglichen. Und das ist die harte Realität: Wahrscheinlich wird kein einziges der Kinder, mit denen ich hier jeden Tag spiele, lerne und lache jemals Sri Lanka verlassen, jemals eine Bucket-List schreiben oder jemals den neusten Cocktail im angesagtesten Club probieren.

Ich möchte nicht pessimistisch sein, ich wünsche mir für alle die gleichen Chancen, gleiche Bedingungen und gleiches Ausmaß an Möglichkeiten - leider ein völlig unrealistisches Ziel. Man kann hier nicht die Welt verändern, nicht die Leben der Menschen verbessern. Wenn man mit dieser Vorstellung anreist, ist die Enttäuschung schnell groß.

„Kleine Kreise ziehen.“Doch man kann kleine Kreise ziehen. Anfangen mit sich selbst, sich trauen hierher zu reisen und freiwillig auf jeden Luxus zu verzichten, sich so uneigennützig wie möglich anderen Menschen widmen. Sich für dieses unglaubliche Projekt engagieren ohne Gegenleistung oder Bezahlung. Kleine aber feine Schritte tun und Stück für Stück den Kindern Perspektiven und andere Sichtweisen eröffnen. Dabei reicht es oft schon sie zu ermutigen eine eigene Meinung zu bilden, eine eigenen Blickwinkel auf die Dinge zu haben und ein wenig Ehrgeiz in ihnen zu wecken Ziele zu erreichen. Ich persönlich bin glücklich hier zu sein, auch wenn ich nicht alles verändern kann.

Und auf die Frage, ob ich vorher etwa nicht glücklich war, kann ich nur antworten: „Doch war ich, ich war glücklicher denn je, ich hatte Alles. Doch in meiner Welt gibt es keine Grenzen, weder für Gedanken, noch für Gefühle, noch für Glück. Es ist immer die Angst, die einem selbst Grenzen setzt. Angst, weniger zu haben, weniger sicher zu sein oder sich weniger gut zu fühlen als vorher.“

in Tagebuch von Jana Neumann
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Author: Jana Neumann