10 Wochen und die Zeit des Abschieds ist gekommen.

Das Ende meines Praktikums10 Wochen in Sri Lanka. 10 Wochen in einer fremden Kultur leben. 10 Wochen lang ein gänzlich anderes Leben führen als bisher. Im Vorfeld meines Praktikums habe ich mit vielen Personen darüber gesprochen, was wohl auf mich zukommen wird. Mit fast allen Gesprächspartnern kam ich schließlich auf ein und dasselbe Thema zu sprechen: Inwieweit verändert sich ein Mensch, wenn er zweieinhalb Monate in eine andere Kultur eintaucht? Komme ich als die Eva zurück, die ich vorher schon war oder werden sich meine inneren Einstellungen ändern?

Ich selber bin wahrscheinlich diejenige, die das am schlechtesten beurteilen kann.Um auf diese Frage eine Antwort geben zu können, werde ich wohl noch einige Wochen auf das Urteil meiner Familie und Freunde warten müssen, wenn ich wieder zurück in Deutschland bin.

Worüber ich mir hier im Angels Home wieder deutlich bewusst wurde, ist, dass Kinder zum Glücklich sein viel weniger materielle Dinge benötigen als es sich in unseren westlichen Welt momentan abzeichnet. Wenn ich da an einige Kinderzimmer denke, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, kommt mir da sofort der Begriff der Reizüberflutung in den Sinn. Braucht ein Kind wirklich ein Zimmer, das vor Spielsachen fast überquillt? Erschwert man seinem Kind dadurch nicht nur die Wahl, womit es sich beschäftigen möchte? Außerdem kann man doch sowieso immer nur mit einem Gegenstand zur selben Zeit spielen…

Beim Elle Spielen Hier im Angels Home gibt es 2 Schränke mit Spielzeug für die Mädchen: In einem befinden sich Badminton-Schläger und einige Barbie-Puppen mit Zubehör und im anderen sind Brettspiele und Puzzle. Wenn um 17 Uhr die Spielzeit beginnt und ich mit den Mädels zu den Schränken gehe, kann ich schon vorab sagen, wie es ungefähr ablaufen wird – es sind nämlich immer dieselben Spiele und Puzzle, mit denen die Kinder spielen wollen, egal, wie oft sie schon danach gefragt haben. Auch die anderen Mädchen, die keine Spiele aus den Schränken haben wollen, wissen sich in der Zeit zu beschäftigen: Eine der Lieblingstätigkeiten der Mädchen – egal welchen Alters – hier im Angels Home heißt Elle spielen. Kaum haben wir die Gartenarbeit, die vor der Spielzeit zu erledigen ist, abgeschlossen, werden oft auch schon selbstständig die ersten Gruppen gebildet und das nötige Equipment besorgt: Ein Ball und ein Schläger. Sonst nix. Diese beiden Gegenstände reichen hier vollkommen aus, um eine Horde von Mädchen glücklich zu machen.

Gemeinsamer LeseabendWenn ich an diese Szenen denke, fällt mir immer ein, was eine gute Freundin von ihrem Au-Pair-Aufenthalt in den USA erzählt hat. „Keep thekidsentertained“ – das war ihr Auftrag. Tagtäglich sollte sie den Kindern vor der Nase rumhüpfen und dafür sorgen, dass sie Spaß haben. Natürlich stand hierfür auch mehr als genug Spielzeug zur Verfügung. Aber schießen wir uns da nicht selber ins Knie, wenn wir den ganzen Tag um die Kinder herumtanzen? Wollen wir sie nicht zu selbstständigen Persönlichkeiten heranziehen? Ja, hier im Angels Home leben 50 Mädchen – es wäre wohl ein Ding der Unmöglichkeit, da jedes Mädchen den ganzen Tag zu unterhalten. Ganz zu schweigen davon, obdiese das wohl wollen würden.

Schaukelspaß mit AchiniIch weiß, dass ich hier vollkommen unterschiedliche Kulturen miteinander vergleiche, deren Lebenswelten wohl kaum Gemeinsamkeiten in sich tragen. Mindestens ein gemeinsames Charakteristikum lässt sich aber doch finden: Ich erzähle hier von Kindern. Kinder, die glücklich aufwachsen möchten und vor allem eines dazu benötigen: Liebe und Aufmerksamkeit. Dessen bin ich mir in den letzten 10 Wochen deutlich bewusst geworden. Denn das freudestrahlende Gesicht der Mädels, wenn wir unsere Zeit mit ihnen verbringen, das ist doch das, was zählt! Wie viel Spielzeug dabei womöglich unbeachtet rumliegt – völlig egal.

Lieber Frank, liebe Julia, liebe Kinder,

ich bin jetzt hier am Ende meines Praktikums bei Euch angekommen. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal von ganzem Herzen bei Euch allen bedanken für die unvergessliche Zeit, die ihr mir bereitet habt. Zwar haben mich die letzten 10 Wochen auch die ein oder anderen Nerven gekostet, das Lachen, Kuscheln und Herumalbern mit den Mädchen hat mir dagegen so viel positive Erlebnisse bereitet, dass ich gerne bereit bin, darüber hinwegzusehen. 😊 

Im Ernst, Eure herzliche Art lässt mich hier nun mit zwiespältigen Gefühlen abreisen: Auf der einen Seite freue ich mich sehr auf die zweieinhalb Wochen, die ich noch durch Sri Lanka reisen werde, und natürlich auf meine Familie und meine Freunde, die ich danach in Deutschland wiedersehen werde, auf der anderen Seite aber seid Ihr mir sehr ans Herz gewachsen! Ich wünsche Euch allen nur das Beste und hoffe, dass das Angels Home noch vielen vielen Kindern ein glückliches und sicheres Zuhause schenken kann!

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet sich

Eure Eva

in Tagebuch von Eva Maria Wegele
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