"Anils Geist" Mein persönlicher Buchtipp aus dem Angels Home


Anils Geist Die Tage hier im Angels Home sind oft lang, aber dennoch bleibt meistens etwas Zeit übrig, zum Beispiel zum Lesen. Zuhause lese ich wahnsinnig gerne und auch so ziemlich alles, im Moment am liebsten Kafka, Poe, Hemingway oder Hugo. Aber auch moderne Romane oder Krimi´s.

Im Laufe der Zeit habe ich in Gedanken ungewollt so etwas wie eine Liste der Bücher angefertigt, die für mich weshalb auch immer von besonderer Bedeutung sind. Meistens die Bücher, die mir noch immer im Kopf herumgeistern oder mir auf die eine oder andere Weise im Alltag begegnen, oder die, aus denen ich etwas bestimmtes gelernt habe.

Unser Bücherregal.Und zu eben diesen Büchern gehört nun auch "Anils Geist". Das Buch, das ich ohne allzu große Erwartungen aus dem kleinen aber feinen Bücherregal in unserer Praktikantenunterkunft gezogen hatte, um es kurz darauf geradezu zu verschlingen.  

Deshalb, und weil das Buch von Sri Lanka handelt, möchte ich euch dieses mal anstatt von meinem Alltag hier, von diesem Buch erzählen.
Den Autoren Michael Ondaatje kennen vermutlich einige durch das Buch "Der Englische Patient".
Er selbst wurde in Sri Lanka geboren und ist holländisch- tamilisch- singalesischer Herkunft,  was der Geschichte irgendwie einen persönlichen Charakter verleiht.

Fesselnd und bewegend ist es vermutlich vor allem für jene, die Sri Lanka ein wenig (oder auch besser) kennen, sich für das Land oder die teils sehr grausame Geschichte, die ja noch nicht allzu lange zurückliegt, interessieren. Aber auch ohne diesen Bezug ist es wirklich spannend und wird euch bestimmt mitreißen.

Anils GeistDie Geschichte spielt hauptsächlich im Jahre 1992 an verschiedenen Orten in Sri Lanka.
Die Protagonistin Anil Tissera, Rechtsmedizinerin, die zwar in Sri Lanka aufgewachsen, das Land aber mit 18 Jahren verlassen hat, kehrt im Auftrag der Menschenrechtskommision der Vereinten Nationen zurück nach Sri Lanka. In mitten des Chaos und der Brutalität des Bürgerkrieges, zwischen den tamilischen Guerillakämpfern im Norden, den Aufständischen im Süden und den Regierunggruppen, hat sie die Aufgabe gegen eben diese Regierung zu ermitteln, und ihr Hinrichtungen und Menschenrechtsverletzungen nachzuweisen. (Bild 3 - Anils Geist)

Ondaatje mischt historischen Kontext, also den Bürgerkrieg, der tatsächlich in vielen Bereichen genauso geschehen ist, mit erfundener Geschichte. Dazu ergänzt er bizarre und schreckliche aber auch lebendige und gradezu fürsorgliche Momentaufnahmen, die es teils genauso hätte geben können und schafft durch seinen Stil ein ganz spezielles Zusammenspiel aus Politik und Poesie.
Es ist ein besonderer Einblick in den Krieg, durch Gedankengänge, die ebenso faszinierend wie wirr sind, ergänzt, durch kurze rationale wissenschaftliche oder medizinische Exkurse. Dazu verwendet er teils wirklichen Fakten, zum Beispiel den Auszug aus der Liste der "Verschwundenen", der aus Berichten Amnesty Internationals entnommen ist.

 Colombos Straßen Grade wenn man Sri Lanka ein wenig kennt, gibt es jedoch auch viel Anlass zum Schmunzeln.
So vieles kommt einem irgendwie bekannt vor, auch da sich viele Eigenarten aus dem Alltag wiederfinden. Der chaotische Verkehr in Colombos Straßen, durch den sich das Tuk Tuk schlängelt, der morgendtliche Milchtee mit viel zu viel Zucker, der Einkauf im Supermarkt Cargill´s, oder das Gefühl, nie das leichte Kopfrollen der singalesen deuten zu können,das beides - ein taktvolles ja und nein bedeuten kann. Und wenn ich selbst schon an den Orten war, an denen die Geschichte spielt, ist mir jedesmal ein ganz seltsames Gefühl gekommen. Dann wird mir wieder bewusst, wie kurz das alles eigentlich erst zurückliegt, und was der Großteil der Menschen, die mir im Bus, Supermarkt oder auf der Straße begegnen erlebt oder gesehen haben müssen, dass Frieden nicht im Geringsten eine Selbstverständlichkeit sondern ein Privileg ist, dass wir wirklich wertschätzen sollten!
(Bild 5 - Colombos Straßen, wie im Buch beschrieben)

in Tagebuch von Carolin Stratmann
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