Welcome to another world

Mein erster Sonnenuntergang auf Sri LankaUm 07.05 Uhr Ortszeit am 05.02.2012 landete ich in Colombo, Sri Lanka. Vor 18 Stunden stand ich noch am Bahnhof in Weingarten bei -17 Grad. Jetzt stehe ich 8000 km weiter östlich bei über 30 Grad unter Palmen. Vor dem Flughafen herrscht ein wildes Gewimmel von Singhalesen. Nicht, dass auf dem Frankfurter Flughafen weniger Gewimmel wäre, aber das hier wirkt alles chaotischer. Ich werde von meiner Praktikumsbetreuerin Julia Fischer in Empfang genommen.

Der Eindruck des Chaos bestätigt sich auf dem Weg vom Flughafen zum „Angels Home for Children“. Dass, was ich auf der Straße zu sehen bekomme und auch insbesondere der Straßenverkehr (jeder pflichtbewusste deutsche Autofahrer würde hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen) ist mir völlig neu und ich kenne es höchstens aus dem Fernsehen oder von Erzählungen. Auch hier  gibt zwei Spuren, allerdings auch so etwas wie eine imaginäre mittlere Spur, auf der alle gnadenlos aufeinander zufahren. Eine Geräuschkulisse aus ununterbrochenem Hupen und lauten Motoren. Blinker oder Anschnallgurt: Fehlanzeige.

Angekommen im Heim erwartete mich freundliches Personal und ein sehr gepflegtes Anwesen. Die kleinen Mädchen sind genauso neugierig auf mich wie ich auf sie und kommen auf mich zugerannt, die großen sind eher zurückhaltend. Ich bin ja doch nur wieder eine neue Praktikantin, die nach ein paar Wochen wieder geht, denken sie sich wahrscheinlich. Sie kennen das Spiel schon.

Mir wird an meinem ersten Tag soviel erklärt und gezeigt. Ich bin mir gleich ziemlich sicher, dass ich mich für die nächsten zehn Wochen hier wohlfühlen werde!

Aber mein erster Tag  geht ein bisschen wie in einem Rausch an mir vorbei. Was zum einem sicher an meinem reizüberfluteten Gehirn liegt, aber auch einfach an der Tatsache, dass ich nach dem langen Flug ohne wohltuenden Schlaf ziemlich fertig bin.

Die Woche verläuft für mich „organisiert-chaotisch“ ab. Zum einen, weil ich zwar theoretisch ein bisschen weiß, wie der Tag verlaufen soll, aber praktisch sieht das mit 48 ziemlich quirligen Persönlichkeiten noch ein wenig anders aus. Mir wurde allerdings von Julia und Frank (ebenfalls mein Praktikumsbetreuer und Leiter des Heimes) mit vielen Erklärungen in diesen Alltag hineingeholfen. Und meinen Platz muss ich ganz einfach hier auch noch finden.

sport meet mit den MädchenNaisha macht den 1. PlatzZum anderen, weil ein Großteil der Mädchen diese Woche an einem sports meets teilnehmen (ein Sportfest von der Schule veranstaltet, welches sich über die ganze Woche erstreckt) und nicht normal die Schule besuchen. Ich besuchte die Abschlussfeier der Veranstaltung und bin beeindruck davon, wie enthusiastisch hier alle an der Feierlichkeit und den sportlichen Aktivitäten teilnehmen. Jeder feuert an und die Kinder geben ihr Bestes! Und es lohnt sich: Eines der Mädchen aus dem Heim, Nadisha,  macht den ersten Platz der ganzen Schule in der Rubrik „Rennen“. Beachtliche Leistung in meinen Augen, wohl auch deswegen, weil ich da immer im letzten Drittel raumgekauert bin. Da wäre die Aufgabe von Shanika schon eher was für mich gewesen: Sie verteilte in einem wunderschönen blauen Kleid die Urkunden an die Gewinner. Eine ehrenvolle Aufgabe nach meinem Geschmack!

Ich konnte erste Erfahrungen darin sammeln, wie die Englisch-Nachhilfe theoretisch aussehen kann und wie am Ende das von mir geplante dann umgesetzt wird. Die großen Mädels können teilweise sehr gut englisch und somit ist auch die Grundlage dafür geschaffen, wirklich etwas zu lehren und dadurch Fortschritte zu ermöglichen. Aber ich hatte auch die Ehre den ganzen Kleinen Nachhilfe zu geben. Kein leichtes Unterfangen. Ich benötige auf jeden Fall einen neuen Plan, zumindest für die Kleineren. Alleine die Mädchen eine halbe Stunde auf ihren Plätzen zu halten, ist schon eine Herausforderung. Aber aus Erfahrungen lernt man ja.

Die größte Herausforderung für mich ist es allerdings, jemanden Englisch zu lehren, der einfach kein Englisch versteht geschweige denn spricht. Und ich eben kein singhalesisch. Bei „My name is…“ hört es einfach auf. Hier heißt es für mich auch erstmal ABC mit den Kleinen lernen, denn das Alphabet was man hier kennt sind für uns genauso unlesbare Hieroglyphen wie für sie unser ABC.

Aber ich werde in den nächsten Wochen sicher eine geeignete Möglichkeit finden, um ihnen wenigstens ein wenig beizubringen.

In der kommenden Woche starte ich dann hier auch richtig durch, mit allen Aufgaben die das Praktikum im „Angels of Home for Children“ so mit sich bringen: Regelmäßige Englisch-Nachhilfe, Computerkurs, Öffentlichkeitsarbeit und ein für mich organisierter Alltag.

Rückblickend bestand die Woche für mich aus ganz vielen Eindrücken: sehr schönen, aber auch aus solchen, die ich mit meinem momentanen Horizont einfach noch nicht begreifen kann. Und sicher auch so vielen, das ich sie in ihrer Gesamtheit noch garnicht greifen kann. Es war wohl eher eine „Eingewöhnungswoche“. Die es auch braucht, um sich hier einen ersten Überblick zu verschaffen. Denn ich habe mich hier wirklich in eine andere Welt begeben. Theoretisch wusste ich, dass es sie gibt, aber sie – wenn auch nur oberflächliche – in der ersten Woche zu erleben, ist ein ganz anderes Gefühl. Und das in Worten zu beschreiben, ist sehr schwierig, wenn man es selbst noch nicht verarbeitet hat.

Ich hoffe auch, ich bekomme in den nächsten Wochen eine mehr objektivere Meinung zu der Mentalität hier, denn die ist es, die mich am meisten beschäftig. Und alles geht mit ihr einher. Der Alltag der Kinder, die unterschiedlichen Charaktere, die Lernbereitschaft und auch mein Aufgabenbereich. Im Moment glaube ich, dass ich alles noch sehr emotional  sehe, weil ich zu einem kleinen Teil noch in unserer durchorganisierten westlichen Welt festhänge. Ich hoffe aber, ich kann mich für die Zeit meines Praktikums davon lösen, und mich auf diese neue Welt ganz einlassen.

 

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