Mein zweites Weihnachtsfest in Sri Lanka. 23.12.2008


Julia Fischer, eine junge Frau aus Gerthausen, arbeitet ehrenamtlich in einem Waisenheim in Marawila - Weihnachten inklusive.

Gerthausen/Marawila. In der Vergangenheit haben wir immer wieder mal davon berichtet, wie Julia Fischer, eine junge Frau aus Gerthausen, in Sri Lanka die...

IMG_6632Hilfsorganisation Dry Lands Project e.V. unterstützt. Seit August 2007 arbeitet sie jetzt ehrenamtlich im Waisenheim Angels Home for Children in Marawila, Weihnachten inklusive. Anlässlich der Weihnachtsfeiertage baten wir Julia, uns von den Fortschritten im Angels Home zu berichten und uns ihre eigenen Gedanken in dieser besinnlichen Zeit, weit weg von daheim, zu schildern. Sie schreibt uns: „Nun bin ich bereits seit 16 Monaten in Sri Lanka und werde in diesem Jahr mein zweites Weihnachtsfest in der Ferne und mit Temperaturen um die 35 Grad verbringen. Ein bisschen merkwürdig ist das schon. Mit den folgenden Zeilen möchte ich euch gern beschreiben, wie es mir momentan geht und was es Neues von unserer Arbeit gibt. Vorher vielleicht noch mal zur Erinnerung: Während meines Kommunikationspsychologie-Studiums hatte ich im August 2006 ein vierwöchiges Praktikum im Angels Home for Children, einem kleinen Waisenheim in Sri Lanka, absolviert. Während dieser Zeit konnte ich sehr viel über mich selbst lernen und die Organisation überzeugte mich bereits damals vollkommen. Somit schloss ich mein Studium so schnell wie möglich ab, um danach als ehrenamtliche Mitarbeiterin des Dry Lands Project zurück nach Sri Lanka zu gehen.

  Schwer zu erklären

Schon oft haben mich Leute gefragt, weshalb ich mich für diesen Weg entschieden habe, anstatt in Deutschland eine berufliche Karriere einzuschlagen. Dies ist durchaus eine schwierige Frage, die ich rational auch gar nicht beantworten kann. Es haben so viele Gefühle eine Rolle gespielt, die man jemandem, der eine solche Erfahrung nicht schon selbst gemacht hat, vermutlich kaum erklären kann.

Während meines Aufenthalts in Sri Lanka und der Arbeit mit den Waisen-Mädchen habe ich einfach erkannt, dass es für mich viel wichtigere Dinge im Leben gibt, als später einen sicheren Job zu haben und mein Leben lang Geld zu scheffeln. Warum sollte ich mir nicht eine Auszeit nehmen, um elternlose und vernachlässigte Kinder in einem fernen Land ein wenig glücklicher zu machen? Auch wenn das für die meisten Leute vielleicht ein wenig zu idealistisch klingt, aber das Lachen dieser Kinder ist der beste Lohn, den ich mir vorstellen kann und ich weiß, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. In den vergangenen 16 Monaten konnte ich unendlich viele wertvolle Erfahrungen machen, die mich sicher mein Leben lang prägen werden und die mir keiner mehr nehmen kann.

Vielleicht für immer

Momentan könnte ich mir wirklich vorstellen, für immer in Sri Lanka zu bleiben und diese Arbeit weiterzumachen. Das einzige Problem, das ich momentan damit habe, besteht darin, dass meine Arbeit hier ehrenamtlich ist. Und so ganz ohne Geld geht es natürlich auch nicht. Ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mich bisher bei all meinen Vorhaben und Plänen finanziell unterstützt haben, dennoch bin ich mir selbstverständlich im Klaren darüber, dass dies nicht auf ewig möglich ist. Aus diesem Grund ist es mein Ziel, in naher Zukunft einen Weg zu finden, mir meinen Aufenthalt in Sri Lanka selbst zu finanzieren und davon wird auch mein weiterer Lebensweg abhängen.

Natürlich habe ich während meiner Zeit in Sri Lanka nicht nur positive Erfahrungen gemacht. Die zahlreichen bürokratischen Hürden und unverständliche Kulturunterschiede sind eine Seite, aber auch auf ganz persönlicher Ebene musste ich feststellen, dass das Leben in der Ferne nicht nur Vorteile bringt. So habe ich beispielsweise den Kontakt zu zahlreichen Menschen verloren, von denen ich vorher glaubte, dass sie wahre Freunde sind. Es ist einfach so, dass man bei einer solchen Arbeit einsehen muss, dass nicht jeder Mensch das gleiche Verständnis und Engagement wie man selbst an den Tag legt.

Nachdem ich das realisiert hatte, war mir auch klar, dass es aufgrund der teilweise recht unterschiedlichen Ansichten zu diesem Thema einfach nicht möglich ist, bestimmte Freundschaften aufrecht zu erhalten, so traurig und hart diese Tatsache auch ist. Dennoch habe ich sehr viele Freunde, mit denen ich regelmäßigen Email-Kontakt pflege, die meinen Einsatz in Sri Lanka sehr schätzen und aufmerksam verfolgen. Eine sehr gute Freundin beispielsweise, die ich bereits seit meinen Kindertagen kenne, liest täglich auf unserer Homepage und wird mich im Januar auch das erste Mal hier besuchen kommen. Ich kann kaum beschreiben, wie viel mir das bedeutet und wie sehr ich mich darauf freue.

Familiengefühl vermisst

Insbesondere jetzt in der Weihnachtszeit ist es nicht immer ganz einfach, so weit weg von zu Hause zu sein. Zwar telefoniere ich mindestens zweimal wöchentlich mit meinen Eltern in Gerthausen, aber trotzdem fehlt mir manchmal das Familiengefühl. Beispielsweise beim gemeinsamen Kaffeetrinken am Adventssonntag, der Duft von frisch gebackenen Plätzchen im ganzen Haus und auch die angenehme Wärme eines dicken Federbettes, wenn man gerade einen ausgiebigen Winterspaziergang gemacht hat. Ich könnte diese Liste noch unendlich fortsetzen, denn es gibt einfach zahlreiche Dinge und Gefühle, die ich mit Weihnachten verbinde und die mir Sri Lanka mit seinen tropischen Temperaturen und Gummi-Weihnachtsmännern an jeder Ecke definitiv nicht bieten kann.

Trotzdem freue ich mich auch auf eine gewisse Art und Weise, die besinnlichen Tage im Angels Home zu verbringen. In diesem Jahr haben wir während der Feiertage nur zwei Mädchen im Heim, da die meisten Kinder ihre Weihnachtsferien bei Verwandten verbringen dürfen.

Nadisha und Nisansala sind natürlich sehr traurig darüber, dass sie nicht die Möglichkeit haben, in ihrer schulfreien Zeit mal etwas anderes zu sehen. Gerade aus diesem Grund möchten wir uns bemühen, auch ihnen eine schöne Weihnachtszeit zu bieten. Unsere derzeitige Praktikantin Sophie und ich übernachten am 24. und 25. Dezember sogar im Angels Home, um mit den beiden ein paar besinnliche Stunden zu verbringen, in denen wir unter anderem Plätzchen backen, einen Weihnachtsbaum schmücken und Märchen vorlesen möchten. Apropos vorlesen: Wir haben vor einigen Tagen selbst eine Weihnachtsgeschichte geschrieben, als Audio-Datei aufgenommen und auf unserer Homepage veröffentlicht: Ich lese diese Geschichte vor und erzähle, wie eines unserer Mädchen ihr erstes Weihnachtsfest erlebt.

Am 27. Dezember kommen auch alle anderen Mädchen aus den Ferien zurück und dann wird im Heim - wie bereits im vergangen Jahr - eine kleine Weihnachtsfeier mit Bescherung stattfinden. Ich freue mich darauf, die leuchtenden Augen unserer Mädels zu sehen. Und wenn wir es schaffen, sie glücklich zu machen, dann wird es auch für mich ein fröhliches Weihnachtsfest, unabhängig davon, wie warm und unweihnachtlich es meinem Empfinden nach ist.

Im nächsten Jahr werden wir die besinnlichen Feiertage vermutlich nicht mehr im derzeitigen Angels Home for Children verbringen. Unser Pachtvertrag für das Heim läuft im August 2009 aus. Der Eigentümer möchte das Anwesen für einen unverschämt hohen Preis verkaufen. Aus diesem Grund waren wir in diesem Jahr verzweifelt auf der Suche nach einem ebenbürtigen Grundstück. Nach jüngsten Entwicklungen sieht es nun ganz danach aus, dass wir ein etwa 15000 Quadratmeter großes Land geschenkt bekommen. Darauf befindet sich ein älteres Gebäude, das man vorübergehend als Waisenheim für unsere 20 Mädchen nutzen könnte. Langfristig planen wir jedoch, auf diesem Grundstück ein komplett neues Gebäude für circa 40 Kinder zu errichten. Nachdem Frank Lieneke (Projektleiter) und ich nach langem Kampf im September endlich unsere Resident-Visa für Sri Lanka bekommen haben, können wir nun auch ernsthaft über eine Vergrößerung und Langfristigkeit des Projekts nachdenken. Wir haben zahlreiche Ideen und Vorstellungen für die Zukunft und hoffen insbesondere in der nächsten Zeit auf zahlreiche Unterstützer und Sponsoren.

Eine eigene Schule

Zu meinen ganz persönlichen langfristigen Zukunftsplänen gehört, dass ich dafür kämpfen möchte, dass alle unsere Mädchen später in eine eigenständige und finanziell abgesicherte Zukunft entlassen werden können. Außerdem träume ich davon, in Sri Lanka irgendwann eine eigene Schule zu eröffnen, in der Kinder die Bildung bekommen, die sie verdient haben und in der ein Rohrstock lediglich als Zeigestab verwendet werden darf ... " Julia Fischer