„Wir profitieren mehr von ihnen als sie von uns“


Die 30-jährige Höfnerin Lisa Mutschler besuchte für zwei Monate das Angels Home for Children in Sri Lanka und bereiste danach zwei Wochen privat das Land. Dabei durfte sie einige eindrückliche Erfahrungen mit in die Schweiz nehmen.

Lisa Mutschler,die in Wollerau aufgewachsen ist, wagte sich in ein ganz besonderes Abenteuer und durfte für etwas mehr als zwei Monate in eine völlig neue Kultur eintauchen. Im Oktober des letzten Jahres trat sie ihre Reise nach Sri Lanka an, genauer gesagt zum Angels Home for Children in Marawila.

Im Kinderheim für Mädchen arbeitete sie gemeinnützig als Praktikantin. Dabei durfte sie etwa 50 Mädchen im Alltag begleiten und sammelte viele neue Erfahrungen, die sie auch persönlich verändert haben.

Die bunte Schar im „Angels Home for Children

Die Gelegenheit nutzen

Inspiriert wurde Mutschler durch die Frau ihres Cousins. Diese besuchte 2010 das Angels Home for Children. Ihre Erzählungen beeindruckten die Höfnerin, und seither wünschte sie sich, dieses Abenteuer auch einmal zu erleben. Zu dem Zeitpunkt war Mutschler jedoch mit ihrem Medizinstudium beschäftigt und fand keine Zeit. Aufgrund eines Jobwechsels öffnete sich ihr im letzten Jahr ein freies Zeitfenster. „Ich wollte die Gelegenheit nutzen, weil ich nachher bestimmt keine Zeit mehr haben werde“, sagt Mutschler.

Trotz Armut zufrieden

Die Kinder, die Lisa Mutschler im Heim kennenlernen durfte, haben entweder ihre Eltern verloren oder wurden von ihren Eltern selbst ins Heim geschickt. Meist weil sie selber nicht genügend Geld haben, um für die Kinder zu sorgen. Den Mädchen im Heim wird ein sehr strukturierter Tagesablauf vorgeschrieben. Nebst dem, dass sie jeden Morgen zur Schule gehen, müssen sie auch zweimal am Tag ihre Kleidung selber waschen und Gartenarbeit verrichten. „Es war sehr eindrücklich, dass diese Arbeiten ohne grosse Diskussionen von den Kindern selbstständig erledigt wurden“, erzählt Mutschler.

Jedes Mädchen muss dabei mit lediglich zwei Schubladen auskommen, in denen sie ihre kleinen Schätze aufbewahren. „Ich bin gerade erst umgezogen und habe einen ganzen Lieferwagen voll mit meinen Sachen transportiert“, vergleicht Mutschler die beiden Welten. Sie war beeindruckt, wie zufrieden die Kinder im Heim sind, obwohl sie nichts haben. Sie leben in ihrer eigenen kleinen Welt und blicken nicht darüber hinaus, weil sie noch nie aus ihrer Region gekommen sind.

„Dennoch sind sie sehr neugierig und wollten beispielsweise auf der Landkarte sehen, wo die Schweiz liegt“, erklärt die 30-Jährige.

Ein Land im Wandel

Die Arbeit im Kinderheim war für Lisa Mutschler eine prägende Zeit.Während ihres Aufenthalts in Sri Lanka konnte sie beobachten, dass das Land von einigen Gegensätzen geprägt ist. Einerseits wurden wunderschöne Ferienresorts für Touristen aufgebaut, andererseits stehen einige Meter daneben alte Blechhütten. Mit dem aufkommenden Tourismus befindet sich das Land im Wandel zur Moderne. Dies fällt vor allem auf, wenn man vom traditionellen Norden in den touristischen Süden reist. Eine fünfminütige TukTuk-Fahrt im Süden war gleich teuer wie die Anreise mit dem Zug, die etwa einen Tag dauerte.

Die Höfnerin war aber auch erstaunt über die niedrige Stellung der Frau. Auch in dieser Hinsicht ist Sri Lanka zwiegespalten: Einerseits war es eines der ersten Länder, das eine weibliche Premierministerin hatte, andererseits gibt es keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Die Suizidrate von Frauen und Kindern in Sri Lanka ist dadurch sehr hoch. Gründe dafür sind vor allem sexuelle Gewalt, aber auch Schikanierungen aus dem Umfeld. Dass auch einige Kinder im Angels Home for Children solche Erfahrungen machen mussten, hat Mutschler nur am Rande mitbekommen. „Für mich war es eher ein Vorteil, nicht von jedem Kind die genaue Geschichte zu erfahren. So konnte ich sie auch unvoreingenommen als Kinder behandeln“, meint sie.

Etwas Gutes tun

Mädchen sollen speziell gefördert werden.Die Erfahrungen haben Mutschler persönlich geprägt. So überlegt sie sich nun jeweils, ob sie etwas wirklich braucht, um glücklich zu sein. Sie hat sich sogar vorgenommen, ein Jahr lang auf neue Kleidung zu verzichten. Ihr Bewusstsein für Dinge, die nicht in jedem Land selbstverständlich sind, hat sich geschärft. Mit den Möglichkeiten, die sie in der Schweiz hat, wollte sie auch in Sri Lanka etwas Gutes bewirken.

Daher entschied sie sich während der Reise für ein Patenmädchen aus dem Heim. Sie möchte dem Mädchen eine Chance geben und ihm eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Ihr ist es wichtig, eine Beziehung zu ihrem Patenkind aufzubauen. Daher plant sie, das Land in ferner Zukunft wieder zu besuchen.

Gute Erfahrung für beide Seiten

Schliesslich musste sich die junge Ausserschwyzerin gestehen, dass sie auf der persönlichen Ebene viel mehr von den Kindern profitieren konnte als diese von ihr. Die Mädchen haben ständig neue Praktikantinnen und sind sich an die wechselnden Gesichter gewöhnt. Mutschler erhielt einen viel lehrreicheren, einmaligen Eindruck. „Man soll nicht nach Sri Lanka gehen und denken, dort etwas Grosses verändern zu können. Dennoch ist es eine gute Erfahrung für beide Seiten“, erklärt Lisa Mutschler.

Angels Home for Children

Das Kinderheim in Marawila kann nur dank Spenden betrieben werden.Das Kinderheim in Marawila (Sri Lanka) wurde vom Deutschen Frank Lieneke anlässlich des verheerenden Tsunami im Jahr 2005 gegründet. Es finanziert sich ausschliesslich aus Spenden. Nach dem Motto „Jedes Mädchen hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben!“ werden mittlerweile mehr als 50 Mädchen betreut. Damit die Kinder traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit verarbeiten können, besuchen sie einmal wöchentlich zwei Psychologinnen. Nebst festangestellten Betreuerinnen werden auch Praktikantinnen aufgenommen, die sich für eine bestimmte Zeit um die Mädchen kümmern. Sie schreiben Tagebuch, sodass man ihre Eindrücke auch im Internet nachlesen kann. Um als Praktikantin aufgenommen zu werden, braucht man keine spezielle Ausbildung. Man solle Interesse und Offenheit zeigen, erklärt Lisa Mutschler. (ale)

Quelle: Höfner Volksblatt geschrieben von Alessia von Euw