Hilfspakete statt Vollmond-Spaß in Sri Lanka

Gruppenbild: Julia Fischer (hinten, Mitte) mit ihrem Partner Frank, Praktikantin Tamara und allen Mädchen aus dem Angels Home for Children

Schon oft berichteten wir über Julia Fischer aus Gerthausen und ihr Kinderheimprojekt in Sri Lanka. Nach wie vor ist die 32-jährige Kommunikationspsychologin vor Ort, um vernachlässigten Kindern eine Perspektive zu geben. Doch im Mai gab es für den in Deutschland registrierten Verein Dry Lands Project e.V. auf der Insel auch noch einen anderen Handlungsbedarf. 

Während wir uns in Deutschland bei relativen milden Temperaturen auf das diesjährige Pfingstfest einstimmte, Pläne für das verlängerte Wochenende schmiedeten und uns auf ein paar entspannte Tage freuten, liefen in Sri Lanka die Vorbereitungen

für das buddhistische Vesakh-Fest, den Vollmond im Monat Mai, auf Hochtouren. Das Fest zählt zu den wichtigsten Feiertagen im Buddhismus und soll an die Geburt, die Erleuchtung und das vollständige Verlöschen von Buddha erinnern. In Sri Lanka wird dies mit zahlreichen Papierlaternen zum Ausdruck gebracht, die überall auf der Insel in unterschiedlichen Farben, Formen und Größen gebastelt werden. Auch im „Angels Home for Children“, einem Kinderheim für Mädchen im westlichen Marawila, waren ca. 100 flinke Kinderhände seit Wochen damit beschäftigt, Laternen für die nahegelegene Schule und für ihr Ersatz-Zuhause zu basteln. Auch auf den jährlich stattfinden Busausflug am Vollmondabend freuten sich die Mädchen schon sehr; Tanzen zu lauter Musik im Bus, Staunen über die schönsten Vesakh-Kunstwerke der Umgebung und kostenloses Essen und Getränke an verschiedenen Ständen. In diesen Tagen ahnte noch keiner, dass all dies bald nicht mehr von Bedeutung sein wird.

Fast 9 Jahre ist es nun schon her, als sich Julia Fischer nach ihrem Studium im Juli 2007 dazu entschieden hat, auf der Insel Sri Lanka Hilfe zu leisten. Für sie selbst ist es heute nur schwer zu glauben, was sie in all den Jahren gemeinsam mit ihrem Partner Frank Lieneke, der das Projekt nach dem Tsunami ins Leben rief, geschaffen hat. Viele Besucher bezeichnen das Anwesen als Paradies für Kinder, gelegen zwischen unzähligen Kokosnusspalmen und mit Blick auf den Indischen Ozean. Die Einrichtung soll den vernachlässigten Mädchen aus armen oder schwierigen Familien nicht einfach nur ein Dach über dem Kopf geben, sondern sie sollen sich wohl fühlen, zuhause, eben annähernd wie in einer normalen Familie. Gleichzeitig wird versucht, ihnen nachhaltige Bildungsangebote zu geben, mit denen sie den Grundstein für ihr Leben nach dem Angels Home legen können. Mit der Hilfe von ca. 20 einheimischen Angestellten und regelmäßigen Praktikantinnen aus Deutschland kämpfen Julia Fischer und Frank Lieneke unermüdlich für eine gute Ausbildung der Mädchen. Seit 2007 sind sie gemeinsam vor Ort und haben über den in Lengerich (NRW) registrierten Verein Dry Lands Project e.V. genügend Spenden akquiriert, um in Sri Lanka 2 Grundstücke mit einer Größe von ca. 10.000 m² zu erwerben, auf denen nach und nach ein großes Kinderheim für 60 Mädchen sowie in den letzten 2 Jahren eine berufliche Ausbildungsstätte entstanden sind, in der bei voller Auslastung 90 junge Frauen aus der Umgebung in den Bereichen Kosmetik, Schneiderei und Friseurwesen ausgebildet werden können.

Der 32-Jährigen ist klar, dass sie es ohne die Hilfe von zahlreichen Freunden und Sponsoren aus Deutschland niemals so weit geschafft hätten. Trotz jahrelanger Erfahrung in der Spendenakquise ist die gebürtige Meiningerin immer wieder darüber erstaunt, wie viel man doch im kleinen, privaten Rahmen erreichen kann, wenn man den treuen Unterstützern kontinuierlich mit Transparenz und Nachhaltigkeit begegnet. So werden die beiden Projektleiter beispielsweise häufig gefragt, weshalb sie dauerhaft in Sri Lanka leben und ihre Arbeit nicht von Deutschland aus machen. Die Antwort ist simpel wie einleuchtend: Wenn man etwas erreichen möchte und dabei mit dem hart verdienten Geld anderer Menschen arbeitet, so sollte man auch persönlich sicherstellen, dass dieses optimal eingesetzt wird und für die Hilfebedürftigen den größtmöglichen Nutzen bringt. Nach diesem Motto arbeiten die Beiden nun schon seit vielen Jahren zusammen und der Erfolg gibt ihnen Recht; fast 100 Mädchen haben ihre Einrichtung nun schon durchlaufen, einige leben bereits seit 2006 in dem Heim und sind bis heute noch da. Dabei ist es selbstverständlich, dass einem manche Kinder wie eigene ans Herz wachsen und man unermüdlich dabei ist, sie in eine sichere Zukunft zu begleiten. Dazu gehört auch, diesen Kindern moralische Werte und positive Charaktereigenschaften zu vermitteln, mit denen sie ihr späteres Leben gestalten können. Flutopferhilfe HPUnd so kam es, dass die 5- bis 20-jährigen Mädchen, die im „Angels Home for Children“ leben (derzeit 51 an der Zahl), sich in diesem Jahr freiwillig gegen ihren Busausflug entschieden. Sie wollten das somit gesparte Geld sinnvoller verwenden.
Etwa eine Woche vor dem bedeutungsvollen Vesakh-Fest haben starke Regenfälle in Sri Lanka zu verheerenden Überschwemmungen und Erdrutschen geführt, sodass Hundertausende von Menschen ihre Häuser verlassen und in Notunterkünften untergebracht werden mussten. Etwa 300 Menschen kamen sogar ums Leben. Es waren die schlimmsten Überschwemmungen auf der Insel seit 25 Jahren und viele Einheimische verloren ihr gesamtes Hab und Gut in den Wassermassen. Vor allem die Vororte der Hauptstadt Colombo sowie einige Städte im Landesinneren waren betroffen, doch auch in Nattandiya, einem Nachbarort von Marawila, der ca. 5 km vom Kinderheim entfernt ist, gab es schlimme Überschwemmungen sowie viele Menschen, die ihre Häuser verloren hatten. Also haben sich die Mädchen aus Julia Fischers Kinderheim kurzerhand entschieden, das Busgeld für Hilfspakete zu verwenden. Somit hat der Verein am Vesakh-Wochenende (20.-22.05.2016) insgesamt ca. 400 Menschen mit Reis, Trinkwasser, Linsen, Zucker, Tee, Soya, Zahnpasta, Seife, Kerzen und Streichhölzern unterstützt. Die beiden Projektleiter sind gemeinsam mit ihren älteren Mädchen zu den betroffenen Gebieten in der Umgebung gefahren und haben die Hilfsgüter verteilt. Dies war ihnen wichtig, damit ihre Schützlinge selbst sehen konnten, welche Menschen unterstützt werden und unter welchen Bedingungen sie aktuell leben müssen – eine Erfahrung, die sie sicher ihr Leben lang prägen wird.

Auch aus Meiningen und Umgebung gibt es viele Sponsoren, Pateneltern und Freunde, die das Projekt seit Jahren unterstützen und Julia Fischer freut sich natürlich besonders über diese Hilfe aus der Heimat. Aus diesem Grund plant sie für ihren nächsten Deutschlandurlaub im September 2016 ein erneutes Treffen mit allen Interessenten, um über die Fortschritte der letzten Monate und aktuelle Zukunftsperspektiven zu berichten. Der genaue Zeitpunkt und Ort wird vorher noch veröffentlicht werden.

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