Spielen, lachen und ab und zu Seelen trösten


Susanne Mayer berichtet aus dem Kinderheim auf Sri Lanka, für das sie ihr Leben in Deutschland auf Eis gelegt hat.
Aitrach/Sri Lanka / sz/nin Raus aus der Kapitalismusmühle, rein in eine sinnvolle Aufgabe - dieses Gefühl, dieser Gedanke hat Susanne Mayer im April nach Sri Lanka geführt. „Mir geht es so gut, davon möchte ich gerne etwas zurückgeben“, sagt die 31-jährige Aitracherin.

beim spielen

2012 hängte sie ihren Job als Finanzmanagerin in der Schweiz an den Nagel, damals noch ohne zu wissen, was kommt. Erst Anfang des Jahres stieß sie auf Dry Lands, einem gemeinnützigen Verein, der ein Kinderheim für elternlose Mädchen betreibt und versucht, ihnen den Weg für ein besseres Leben zu ebnen. Im März war alles für die Zusammenarbeit in trockenen Tüchern, am 2. April stieg Susanne Mayer ins Flugzeug nach Sri Lanka. Seit fast zwei Monaten arbeitet die 31-Jährige nun in dem Kinderheim namens Angel Home. Was sie dort in den vergangenen Wochen erlebt hat und ihre ganz persönlichen Gedanken schilderte sie nun der Schwäbischen Zeitung:

„Ankommen – der erste Schritt eines jeden Auslandsaufenthaltes. Meine Reiseerfahrung erspart mir zwar den Kulturschock, die Herausforderung ist dieses Mal die Integration in ein Kinderheim, in dem über 50 Mädchen zwischen fünf und 18 Jahren leben. Die erste Hürde sind die Namen – Nawanjena, Chetana, Nadisha und Kumari. Zum Glück können sich die Mädchen meinen Namen auch nicht so gut merken und so machen wir einfach Susannjia draus. Das scheint hier einfacher zu sein als Susanne.

Nach über sechs Wochen in Marawila, Sri Lanka, im Angels Home for Children, einer Einrichtung des Dry Lands Projects, bin ich wirklich angekommen im Heim. Die Namen sind in Fleisch und Blut übergegangen, auch ein paar singhalesische Floskeln erleichtern den Alltag. Und mir sind die Kinder sehr ans Herz gewachsen. Es ist nicht das erste Mal für längere Zeit im Ausland, aber das erste Mal, dass ich überhaupt mit Kindern zusammenarbeite und dann gleich so intensiv. Wir leben zusammen, stehen zusammen um 5 Uhr am Morgen auf, essen zusammen und gehen zusammen ins Bett.

Viel wichtiger aber ist, dass wir zusammen spielen, wahnsinnig viel lachen und auch ab und zu die Seele trösten, Bücher vorlesen, Nachhilfe geben, sie beaufsichtigen und für ein bisschen Spaß und Abwechslung sorgen. Jedes Kind hier hat sein eigenes Schicksal, kommt aus schwierigen Familienverhältnissen, Scheidungskinder, die Eltern arbeiten im Ausland oder es fehlen schlichtweg die finanziellen Mittel, um sich um das Kind zu kümmern.

Ich kenne bei weitem nicht alle Hintergründe der Mädchen. Ich denke, das ist auch gut so, so geht man viel unbedarfter auf die Kinder zu, denn die Geschichten, die ich kenne sind mehr als dramatisch. Oft denke ich darüber nach, wie es ist, von den Eltern abgeschoben zu werden. Übrig zu sein. Die Aufmerksamkeit der Eltern nicht zu bekommen. Nicht geliebt zu werden oder keinen Platz in der Familie zu haben. All das ist mir zum Glück nie wiederfahren. Aber es ist genau das, was mir am meisten aufstößt, ist es doch so wichtig für das gesamte Leben.

Das Heim hier ist sicherlich im Vergleich zu den singhalesischen Heimen um Welten besser. Hier gibt es täglich genügend frisches Essen für alle Kinder, fließendes Wasser, Nachhilfe und noch vieles mehr. Auch Betreuer, die sich rührend um die Kinder kümmern. Und doch wollen viele Kinder einfach nur nach Hause, auch wenn dort oft schlechtere Bedingungen herrschen als im Heim. Aber ist es nicht auch in Deutschland so, dass auch das beste Heim schlechter ist als die schlechteste Familie? Die verweigerte Zugehörigkeit –aus welchem Grund auch immer ist wohl das Schlimmste, was einem Kind widerfahren kann.

Ich wollte etwas zurückgeben, denn ich bin auf der Sonnenseite der Welt großgeworden und hatte eine Bilderbuchkindheit, konnte zu Schule, studieren und viel reisen. Ich hoffe, ich kann den Kindern für die kurze Zeit meiner Anwesenheit etwas geben. Nämlich meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit und meinen Glauben an sie!“