Meine Sicht der Welt hat sich verändert.


Inga Sanger­mann ist nach dem Studium für drei Monate nach Sri Lanka gereist, um als Prak­ti­kantin in dem Kinder­heim "Angels Home for Child­ren" zu helfen und Englisch-Nach­hilfe zu geben (wir berich­te­ten). Hier ihr zweiter Erfah­rungs­be­richt:

"Mittlerweile nähert sich mein Praktikum im Angels Home for Children in Marawila bereits dem Ende. Das Leben und Arbeiten im Kinderheim ist zu etwas alltäglichem geworden (wobei ich niemals von einen 'Alltagstrott' reden würde).

Der Alltag Sashinis (ich berichtete im Juli von ihr) und der anderen Mädchen hier aus dem 'Angels Home' unterscheidet sich sehr von dem Alltag deutscher Kinder, wie ich ihn kenne

: 5 Uhr: Die Glocke klingelt - aufstehen! Noch etwas schlaftrunken treffen sich alle Mädchen am großen Essenstisch und versuchen, wach zu werden. 5.10 Uhr: Frühsport - drei Runden joggen in der langen Auffahrt, dann gymnastische Übungen. 5.30 Uhr: Tea Time, bevor es zum gemeinsamen Zähneputzen geht. 5.45 Uhr: Gartenarbeit. Es wird gefegt, gewässert und Unkraut gezupft.

6 Uhr: Beten. Die buddhistischen und katholischen Kinder beten und singen getrennt voneinander - inbrünstig und ehrlich. 6.15 Uhr: Fertigmachen für die Schule. 7 Uhr: Auf geht's zur Schule - mit dem Fahrrad, dem Tuk Tuk (einem dreirädrigen, beidseitig offenen Gefährt) oder zu Fuß. 13.30 Uhr: Nach einem langen Schultag kommen nun auch die letzten Kinder ins Heim zurück. Doch der Tornister fliegt nicht sofort in die nächste Ecke und es wird sich aufs Sofa gehauen, um beim Fernsehen Mittag zu essen.

Mit Kernseife werden die Uniform, die weißen Socken und Schuhe, die Unterwäsche und zu guter Letzt der gesamte Körper draußen in einem großen Becken gewaschen.

14 Uhr: Zeit für Reis und Curry. Und wie die kleinen Mädels das superscharfe Curry so gleichmütig essen können wie ich einen Riegel Vollmilch Nuss, werd ich nie begreifen. 15 Uhr: Während die einen nun Zeit für die Erledigung ihrer Hausaufgaben haben, nehmen die anderen in Kleingruppen an der Englisch-Nachhilfe teil, die wir Praktikantinnen durchführen. 16 Uhr: Tea Time. Mindestens so obligatorisch wie im ehemaligen Mutterland England. 16.15 Uhr: Zweite Gruppe Nachhilfe oder nochmals ran an die Gartenarbeit. 17 Uhr: Spielzeit - sei es beim Talobata spielen, beim Sandkuchen backen, Schaukeln oder einfach beim Gedankenaustausch im Schatten mit der besten Freundin. 18 Uhr: Waschen! Die Anziehsachen des vergangenen Tages und der Körper werden gewaschen. Aber nicht die Haare! Sonst droht eine Erkältung. 19 Uhr: Beten. 19.30 Uhr: Zeit für Reis und Curry. 20 Uhr: Zähneputzen und fertig machen fürs Bett. 20.15 Uhr: Gute-Nacht-Geschichten werden vorgelesen.

Ein strammes Programm und definitiv keine Zeit für Langeweile, auch nicht für uns Praktikantinnen. Doch vielleicht hilft gerade dieser straffe Zeitplan, nicht zu viel Zeit zum Nachdenken zu haben. Denn, wenn die Kinder am Abend zur Ruhe kommen, zeugen bei einigen regelmäßiges Einnässen und nächtliches Weinen von den psychischen Traumata der verletzten Kinderseelen.

Neben dem 'Angels Home' durfte ich in den letzten Wochen auch ein anderes Projekt, das von 'Dry Lands' unterstützt wird, kennenlernen. Wir fuhren von der Westküste weiter ins Inland zu der Einweihungsfeier eines Hauses für eine Mutter und ihre zehnjährige Tochter. Das Dry Lands Project hat diesen Hausbau mit umgerechnet etwa 400 Euro unterstützt. Bei der Einweihungsfeier sahen wir ein kleines Backsteinhäuschen bestehend aus zwei Räumen, die von einem Blechdach vor Regen, Wind und Sonne geschützt werden. Das war aber auch wirklich alles! Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett, kein Herd - rein gar nichts! Außer einem Dach über dem Kopf. Trotz der für mich unfassbaren Armut waren Mutter und Tochter überglücklich und stolz auf ihr neues Zuhause - alles dank Dry Lands.

Die kleinen Mädchen werden jeden Morgen mit dem Tuk Tuk zur Schule gebracht.Gerade wird ein neues Projekt geplant: der Bau einer Grundschule. Denn das Schulsystem Sri Lankas lässt so einige Wünsche offen. Doch für den Kauf des Nachbargrundstücks und den Bau der Schule, die besonders den Mädchen aus dem Angels Home und den ärmeren Mädchen aus der Umgebung zu Gute kommen soll, werden noch Spendengelder benötigt.

Ich durfte in den letzten Wochen vielschichtige und neue Erfahrungen sammeln, die mein zukünftiges Leben sicherlich beeinflussen werden. Viele der Erlebnisse regen zum Nachdenken an, werfen Fragen auf und verändern meine Sicht der Welt. Ich bin wirklich sehr gespannt, welchen Einfluss meine Sri-Lanka-Erlebnisse auf mein Leben 'zurück in Deutschland' haben werden. Ich werde darüber berichten."